Heimtextil-Messerundgang
Zwischen Realismus und Neujustierung
Auch 2026 eröffnete die Heimtextil die Messesaison unter schwierigen Vorzeichen. Und doch war die Stimmung in Frankfurt nicht von Resignation bestimmt, sondern von einer vorsichtigen, leisen Zuversicht.Gerade in volatilen Zeiten wachse der Bedarf an Orientierung, Markttransparenz und verlässlichen Partnerschaften, betonte Messegeschäftsführer Detlef Braun zur Eröffnung der Heimtextil 2026. Plattformen, die Austausch ermöglichen und neue Geschäftsperspektiven eröffnen, seien wichtiger denn je. Die Messe verstehe sich genau in dieser Rolle - als zentraler Treffpunkt und stabile Konstante für die globale Branche. Wurde sie diesem Anspruch gerecht?
Soviel vorweg: Die Heimtextil war in diesem Jahr keine Messe der Superlative. Keine große Zahlen, keine großen Gesten, keine schnellen Abschlüsse, keine Materialschlachten. Stattdessen präsentierte sie sich als Messe der Einordnung, des Realismus und der ehrlichen Gespräche. Verdichtet, reduziert, konzentriert - und gerade dadurch erstaunlich klar in dem Anspruch, Orientierung zu geben. Wer bereit war, Erwartungen neu zu justieren, konnte in Frankfurt viel über den Zustand und die Zukunft der Branche lernen.
Das neue Hallen-Layout:
Orientierung statt Überforderung
Die Anbieter aus den Bereichen Gardinen, Dekostoffe, Möbelstoffe und Sonnenschutz zeigten sich nach vier Messetagen überwiegend zufrieden. Die Platzierung in den Hallen 3.0, 3.1 und 4.1 erwies sich als sinnvoll. Das neue Hallenlayout setzte auf Übersichtlichkeit und kurze Wege - Orientierung statt Reizüberflutung. In den Kernzeiten ging dieses Konzept auf: Die Frequenz stimmte, Gespräche hatten Tiefe, Termine wurden ernst genommen. Damit bestätigte die Heimtextil ihren Wandel von der klassischen Ordermesse hin zu einem Branchentreffpunkt für strategischen Abgleich, Netzwerken und Information. Diese Entwicklung wurde von vielen Marktteilnehmern ausdrücklich als Stärke wahrgenommen.
In zahlreichen Gesprächen fiel eine Formulierung immer wieder: realistisch, aber mit Aufbruchsmomenten. Weniger Euphorie, dafür mehr Ehrlichkeit. Der Markt beschäftigt sich ernsthaft mit Zukunftsfragen - allen voran mit der Nachwuchsproblematik im Handwerk, mit dem Einsatz von KI zur Vereinfachung von Prozessen sowie mit Systemlösungen, die im Fachhandel tatsächlich funktionieren. Der Fokus verschob sich spürbar: weg von reiner Produktneuheit, hin zu Anwendbarkeit, Beratung und Struktur.
Dieser Eindruck bestätigte sich auch beim Messerundgang. Viele Stände wirkten fokussierter, teilweise bewusst reduziert. Statt überladener Präsentationen dominierten kuratierte Kollektionen und verständlich erklärte Anwendungen. Themen wie Akustik, funktionale Textilien, Objekt- und Hospitality-Lösungen sowie intelligente Sonnenschutzsysteme bestimmten zahlreiche Gespräche. Produkte wurden seltener isoliert gezeigt, sondern im Nutzungskontext gedacht.
Gerade im Bereich Sonnenschutz und bei funktionalen Lösungen zeigte sich ein stärkeres Zusammendenken von Design, Technik und Anwendung. Automatisierung, akustische Wirksamkeit und flexible Einsatzmöglichkeiten wurden nicht als Zusatz verstanden, sondern als selbstverständlicher Bestandteil moderner Raumkonzepte.
Auffällig war auch die veränderte Gesprächsqualität. Preise und direkte Abschlüsse rückten in den Hintergrund, strategische Themen gewannen an Bedeutung: Sortimentsstrategien, Zielgruppenansprache, Kooperationen. Für viele wurde das Netzwerken zum eigentlichen Mehrwert der Messe - verbunden mit dem Gefühl, Teil einer Branche zu sein, die sich neu sortiert.
Deco Team als stabiler Anker
Erneut erwies sich das Deco Team als zentraler Treffpunkt in Halle 3.0. Die Inszenierungen rund um das Areal fungierten als Inspirations- und Informations-Hub für Fachhandel und Fachhandwerk. Trends wurden hier nicht abstrakt behauptet, sondern übersetzt, erklärt und in Vorträgen sowie Workshops inhaltlich vertieft.
Davon klar abzugrenzen waren andere Formate der Messe: die Heimtextil Trends 26/27 von Alcova unter dem Motto "Craft is a verb" mit ihrer Verbindung von KI und Handwerk oder die Installation Among-all von Patricia Urquiola, die KI, Materialinnovation und Nachhaltigkeit verknüpfte. Beide richteten sich stärker an Designer und Produktentwickler und eröffneten Perspektiven für Design, Handel und Hospitality - mit einem deutlich konzeptionelleren Ansatz.
Achillesferse:
die durchwachsene Inlandsfrequenz
Keine Heimtextil ohne die Diskussion um fehlende Besucher aus dem Inland. Die sinkende Zahl deutschsprachiger Fachhändler, Raumausstatter und auch Aussteller wurde 2026 wieder intensiv thematisiert - nicht nur als Messeproblem, sondern als strukturelle Herausforderung der Branche.
Bemerkenswert war dabei die ungewöhnlich deutliche Kritik. Etwa Martin Auerbach, Geschäftsführer des Heimtex-Verbandes, der vielen abwesenden Marktteilnehmern eine zu passive, pessimistische Haltung attestierte. Sein Plädoyer: Messen konsequenter als Weiterbildungs- und Inspirationsplattform nutzen, Dialogformate stärken, nationale und internationale Interessen besser verzahnen. Nicht durch zusätzliche Flächen, sondern durch kuratierte Inhalte. "Krisen beginnen und enden im Kopf", so Auerbach.
Auffällig war der Kontrast zur internationalen Wahrnehmung. Besucher aus dem Ausland traten neugieriger und lösungsorientierter auf. Sie suchten Austausch und Inspiration, nicht die Bestätigung einer schlechten Stimmung.
Auch auf Ausstellerseite gab es zahlreiche positive Gegenentwürfe: Marken, die sich klar positionierten, ihre Sortimente kuratierten und ihre Rolle neu definierten. Weniger Produktverwalter, mehr Problemlöser. Akustik, Hitzeschutz, Automatisierung, Objektlösungen und Künstliche Intelligenz wurden als konkrete Antworten auf veränderte Kundenbedürfnisse präsentiert. Hier zeigte sich, wo Entwicklung tatsächlich stattfindet.
Messen
bleiben relevant
Unter dem Strich präsentierte die Heimtextil 2026 eine Branche im Übergang. Alte Gewissheiten sind brüchig, neue Regeln noch nicht vollständig formuliert. Messen bleiben relevant, aber nur dann, wenn sie Erlebnis, Wissen und Beziehung sinnvoll verbinden. Wenn sie nicht versuchen, alles abzubilden, sondern das Richtige. Und wenn Aussteller wie Besucher bereit sind, ihre Erwartungen zu justieren.
Frankfurt war in diesem Januar kein Ort für schnelle Abschlüsse, sondern ein Ort für ehrliche Gespräche, für strategische Fragen und für die Erkenntnis, dass Zukunft nicht aus Größe entsteht, sondern aus Klarheit. Die Heimtextil hat diesen Anspruch formuliert. Jetzt liegt es an der Branche, ihn einzulösen.
Für die Heimtextil 2027, die parallel zur BAU in München stattfindet, wurde bereits eine Neuerung angekündigt: Mit Hospitality Interiors Europe erweitert die Messe ihr Angebot für ganzheitliches Interior Design. Das neue Format richtet sich gezielt an Entscheider im hochwertigen Objektgeschäft und soll neue Impulse für den Hospitality-Bereich setzen.
| Michaela Fischer
aus
BTH Heimtex 02/26
(Wirtschaft)