Abgepasste Teppiche auf der Heimtextil
Zwischen Innovationsfreude und Standortkritik
Die Heimtextil ist aktuell die einzige Plattform, welche die internationale Teppichbranche in ihrer gesamten Breite abbildet. Sie hat die durch den Rückzug der Domotex entstandene Lücke zwar inhaltlich gefüllt. Aber es gibt noch Optimierungspotenzial.Die Neuordnung der großen Teppichmessen hat die Karten für die ganze Branche neu gemischt. Während die Domotex in Hannover - zumindest aktuell - ihre Relevanz für abgepasste Teppiche weitgehend verloren hat, positionierte sich die Heimtextil 2026 deutlicher denn je als internationaler Branchentreffpunkt.
Neues Hallenkonzept
in der Kritik
Die neue Struktur des Bereichs Carpets & Rugs auf der Heimtextil mit der Belegung der Hallen 3.0, 11 und 12 zeichnete ein zweigeteiltes Bild. In der Halle 3.0 gelang durch die Anbindung an das Deco Team eine hochwertige Atmosphäre. Marken wie Brink & Campman (mit Longbarn), Golze 1873, Mirzai, OCI, Paulig 1750 (mit Haro), Theko, Tisca und Vartian profitierten von der direkten Nachbarschaft zu den Textilverlagen. Der Boutique-Charakter der Designlounge by Deco Team kam bei den Besuchern aus dem gehobenen Fachhandel gut an.
Deutlich kritischer wurde der Messefluss bewertet: Die Wege von Halle 3.0 zur Halle 12, in der Global Player der Maschinenwebteppiche wie Oriental Weavers und Merinos untergebracht waren, empfanden viele Besucher - und Aussteller - als zu lang. Dieser gut zehnminütige Fußmarsch verhinderte, dass Synergien zwischen den verschiedenen Ausstellungsbereichen der Messe für Heimtextilien optimal genutzt wurden. Noch weiter entfernt war die Halle 11, die man von Halle 12 nach einen längeren Weg durch leere Eingangszonen erreichen konnte. Auf zwei Ebenen präsentierten sich dort die Hersteller aus den Ursprungsländern, allen voran Indien und China. Hier war die Frequenz sehr unterschiedlich, was viele Aussteller auf die angesprochene räumliche Isolation vom Rest des Teppichbereichs zurückführten.
Ein weiteres Thema in den Gängen war die Wettbewerbssituation durch die ICFE in Istanbul, die sich als Messe für die starke türkische Teppichindustrie etabliert hat. Dass Frankfurt dafür in anderen Bereichen die Rolle der früheren Domotex für den Weltmarkt übernommen hat, bestätigt auch Kuldeep Wattal, der ehemalige Vorsitzender des indischen Carpet Export Promotion Council (CEPC) und Mitinhaber des Teppichexporteurs Chinar. Er unterstrich die strategische Bedeutung Frankfurts für die indische Teppichwirtschaft und betrachtete die Messe als wichtigstes Tor zum europäischen Markt. Wattal wünschte jedoch eine bessere Sichtbarkeit der indischen Aussteller, damit diese innerhalb des Messegefüges als relevante Ausstellergruppe und nicht nur als Randerscheinung wahrgenommen werden.
Die Stimmung der Branche war von einem neuen Pragmatismus geprägt. Kuldeep Wattal brachte es auf den Punkt: "Frankfurt ist das Schaufenster für unsere Handwerkskunst in Europa, aber dieses Schaufenster muss für den Kunden leichter zugänglich sein."
Wertige Optik
trotz Preisdruck
Die Kollektionen 2026 zeigen einen Trend weg von preisgetriebener Massenware hin zu wertigen Oberflächen und technischer Raffinesse. Denn bei allem Preisdruck, der nicht wegzudiskutieren ist, suchen Kunden vermehrt nach wertigeren Teppichen. Und während Maschinenwebteppiche immer mehr wie handgefertigt aussehen sollen, gibt es auch eine Nachfrage nach handgefertigter Ware, die preislich da anfängt, wo industriell gefertigte Produkte aufhören. Im hochwertigen Segment der handgefertigten Teppiche dreht es sich um Strukturen und Individualität.
Paulig 1750 setzt mit der Twin Collection Akzente, die durch unterschiedliche Garnstärken eine markante, kieselartige Oberfläche erzeugt. Mit der neuen Linie Chroma Opal bedient das Unternehmen zudem die Nachfrage nach reinen Unis. Auch die Tochter Haro sowie das Label Longbarn setzen auf ausgeprägte haptische Erlebnisse. Longbarns Robotuft-Kollektionen ermöglichen dabei sogar flexible Freiformen für das Luxussegment.
Unikate als Impulsgeber
Dass handgeknüpfte Einzelstücke ein wichtiger Ansatzpunkt für den Handel bleiben, unterstrich Satar Carpet. Die ästhetische Qualität hochwertiger Unikate weckte auch das Interesse von Einkäufern, die primär im maschinellen Bereich tätig sind, aber nach Inspiration für ihre Sortimente suchten. Mirzai und Vartian setzen ebenfalls auf hochwertige Knüpfteppiche. Dass klassische Knüpfware auch für eine jüngere Zielgruppe attraktiv ist, erfuhr Rezas mit erfolgreichen Flächenkonzepten im skandinavischen Luxus-Einzelhandel. Das Unternehmen investiert konsequent in ein umfassendes Dienstleistungspaket aus Marketingtools - von B2B-Shops bis hin zu professionellen Bilddatenbanken -, um Einkäufern die Inszenierung der Produkte am Point of Sale zu erleichtern.
Oriental Weavers startete eine Initiative mit Kollektionen aus 100 % Wolle, um direkt mit dem Handwerk konkurrieren zu können. Osta Carpets freute sich über viel positives Feedback zu seiner Dune-Kollektion, einem in Belgien maschinell gewebten Berber-Teppich aus Neuseelandwolle, der optisch und haptisch sehr nah an marokkanische Vorbilder heranreicht.
Merinos und Oriental Weavers demonstrierten ihre Kompetenz im Bereich Cross-Woven. Diese Technik erzielt eine Farbfülle und optische Effekte, die stark an Knüpfteppiche erinnern. Bei Ragolle lag ein Schwerpunkt auf der strategischen Erweiterung der Kollektion Agentum. Um dem wachsenden Bedarf an individuellen Lösungen zu entsprechen, wird dieser Bestseller nun zusätzlich als Rollenware angeboten. Mit einer Palette von 13 Farben ermöglicht dieser Bespoke-Ansatz dem Handel maßgeschneiderte Lösungen jenseits gängiger Standardmaße.
Ohne Outdoor geht es nicht
Outdoor-Teppiche sind eine nicht mehr wegzudenkende Produktgruppe. Praktisch jeder Anbieter hat Indoor-Outdoor-Qualitäten im Sortiment. Dabei haben sie sich von einfachen Funktionsartikeln zu modischen Einrichtungselementen entwickelt. Euro Tapis präsentierte bedruckte Outdoor-Produkte in Flachgewebe-Optik, die waschbar und rutschfest sind - ein Trend, der besonders im US-Export stark wächst. Oriental Weavers bewies mit der Kollektion Kemet, dass im Außenbereich durch komplexe Farbschattierungen eine enorme optische Tiefe möglich ist. Auch für Balta Home bilden diese Produkte das Rückgrat des Sortiments, ergänzt durch Qualitäten wie Highland, die Polypropylen in eine täuschend echte Wolloptik verwandeln.
Bei den Farben besonders auffällig: Die Vorherrschaft von kühlem Grau ist gebrochen. Neben dem nicht wegzudenkenden Beige bestimmten warme Erdtöne wie Mokka, Terrakotta und Rost die Paletten von praktisch allen Ausstellern. Selbst im Kinderbereich, wie bei Merinos, dominieren sanfte, warme Farben und haben kräftige Kolorits in eine Nebenrolle gedrängt. Auch in diesem Jahr sind sanfte Grüntöne wie Salbei oder Olive im Trend. Wenn es einen Newcomer bei den Farben gibt, so ist das Weinrot von Burgunder bis Bordeaux.
Ökologische Verantwortung
plus technische Raffinesse
Das Thema Nachhaltigkeit hat sich in der maschinellen Teppichfertigung von einem Nischenaspekt zum allgemeinen Industriestandard entwickelt. Nahezu alle namhaften Hersteller präsentierten Lösungen, die ökologische Verantwortung mit technischer Raffinesse verbinden. Ragolle setzt hier mit der Qualität Linea auf 100 % recyceltes Polyester; die Teppiche sind aufgrund ihrer reinen Monomaterial-Struktur vollständig kreislauffähig. Auch Oriental Weavers forcierte diesen Trend, beispielsweise mit einer Kollektion aus 100 % recyceltem Polyester-Chenille sowie einer Linie, die bereits einen Anteil von 25 % recyceltem Garn aufweist, ohne optische Kompromisse einzugehen.
In einem schwierigen Marktumfeld setzen einige Anbieter verstärkt auf etablierte Lizenzmarken, um dem Endverbraucher Orientierung und Vertrauen zu bieten. Hanse Home unterstrich seine Wachstumsstrategie durch die Aufnahme der Marke Ted Baker, die insbesondere in Großbritannien und den Niederlanden eine hohe kommerzielle Strahlkraft besitzt. Zusammen mit den erfolgreich laufenden Kollektion von Villeroy & Boch und Elle Decoration deckt das Unternehmen so ein breites Spektrum ab. Golze 1873 festigt seine Marktposition durch die konsequente Pflege der Lizenzen Joop! und Schöner Wohnen. Theko nutzt sein breites Markenportfolio von Sansibar Sylt bis Tom Tailor, um unterschiedliche Lebenswelten zielgenau anzusprechen, wobei die Linie Natur Pur den anhaltenden Wunsch nach unverfälschten Materialien bedient.
Ein ausführlicherer Bericht über das Segment abgepasste Teppich auf der Heimtextil erscheint in der kommenden Ausgabe von Carpet Home, Schwesterzeitschrift von BTH Heimtex.
| Beate Boehm | Tim Steinert
aus
BTH Heimtex 02/26
(Wirtschaft)