Heimtextil Frankfurt
Über die Heimtextil müssen wir noch einmal sprechen
Während der Heimtextil hatte man in den Gesprächen das Gefühl, dass sich einige Dinge gerade spürbar verändern und dies auch die Messe selbst betrifft. Wir sind dem nachgegangen und sprechen mit Verbänden und Besuchern über Eindrücke und Erwartungen.Die Heimtextil liegt Wochen zurück und mit dem ausführlichen Messebericht in der Februar-Ausgabe von BTH Heimtex schien auch schon alles über die Veranstaltung gesagt. Und doch blieb das Gefühl, dass man über diese Messe noch einmal sprechen muss. Nicht, weil etwas übersehen wurde. Sondern weil sich in Frankfurt erneut Fragen verdichtet haben, die über die vier Messetage hinausgehen.
Denn die Branche befindet sich in einer Phase der Neujustierung. Wirtschaftliche Zurückhaltung, verändertes Konsumverhalten und steigender Effizienzdruck verändern nicht nur Märkte, sondern auch die Erwartungen an Plattformen wie die Heimtextil. Was lange selbstverständlich war - die Messe als zentraler Treffpunkt, Orderplatz und Branchenbarometer -, wird heute neu bewertet.
Besonders sichtbar wird das am Dauerbrenner-Thema der stetig sinkenden Zahl deutschsprachiger Messebesucher aus Fachhandel und Raumausstatterhandwerk - ein klassisches Huhn-Ei-Dilemma zwischen Angebot und Nachfrage.
Genau deshalb wollten wir genauer wissen, mit welchem Gefühl zentrale Akteure aus Verbänden, Organisationen und dem Handwerk von der Heimtextil 2026 zurückgekehrt sind - und welche Aufgaben sie für die Zukunft sehen. Unsere Umfrage ist nicht repräsentativ im statistischen Sinne, wohl aber ein aussagekräftiges Stimmungsbild der aktuellen Diskussion rund um die Messe.
Bedarf einer klaren Profilierung
Die Antworten machen deutlich: Die Heimtextil steht exemplarisch für das Spannungsfeld, in dem sich viele internationale Leitmessen heute bewegen. Ihre globale Bedeutung als Treffpunkt, Impulsgeber und Schaufenster der Branche ist unbestritten. Gleichzeitig zeigt sich, dass dieser Anspruch für viele heimische Besucher nicht automatisch mit konkretem betrieblichem Nutzen verbunden ist.
Gerade im Fachhandwerk rücken Fragen nach wirtschaftlicher Umsetzbarkeit, Effizienz und Orientierung stärker in den Mittelpunkt als die reine Produktvielfalt. Die rückläufige Präsenz deutschsprachiger Besucher ist deshalb weniger ein kurzfristiges Messeproblem als Ausdruck veränderter Erwartungen.
Damit wächst der Bedarf nach einer klareren Profilierung: stärker kuratierte Inhalte, mehr thematische Fokussierung und Formate, die internationale Perspektiven mit konkretem Praxisbezug verbinden - bis hin zu der Idee einer gezielten "Messe in der Messe". Am Ende entscheidet sich die Zukunftsfähigkeit der Heimtextil nicht an ihrer Größe, sondern an ihrer Relevanz. Daran, wie überzeugend es gelingt, globale Perspektiven in konkreten Nutzen für die Branche vor Ort zu übersetzen.
| Michaela FischerStimmen aus Verbänden und Organisationen
-Wenn Sie die Heimtextil 2026 stimmungsmäßig kurz zusammenfassen: Aufbruch, Realismus oder Zweckoptimismus?
-Welche Themen wurden auffällig ehrlich diskutiert? Gibt es andererseits Themen, die an Relevanz verlieren?
-Was nehmen Sie als klare Aufgabe für die Verbände mit und wo sehen Sie noch Baustellen?
-Was müsste sich an der Heimtextil und in der Branche ändern, damit wir in zwei, drei Jahren spürbar weiter sind?
-Stößt das klassische Konzept der internationalen Großmesse an seine Grenzen? Wo hat es weiterhin Berechtigung?
Verbände, Verbundgruppen und Branchenorganisationen nehmen Entwicklungen oft sehr früh wahr, weil sie näher an strukturellen Fragestellungen arbeiten und weniger am Tagesgeschäft einzelner Betriebe. Ihre Einschätzungen zeigen, wie die Heimtextil aktuell auf institutioneller Ebene bewertet wird: als Plattform für Orientierung, Austausch und strategische Einordnung, aber auch als Format, das sich weiterentwickeln muss, um für das Fachhandwerk relevant zu bleiben.
"Gefragt sind klare Konzepte"
Ann-Kathrin Schmidt, Geschäftsführerin FHR
"Die Heimtextil 2026 steht für mich für Zweckoptimismus mit spürbarem Aufbruch - realistisch, aber voller Energie. Ich bin mit einem guten Bauchgefühl zurückgekehrt, weil viele Gespräche gezeigt haben, dass Industrie, Handel und Handwerk bereit sind, gemeinsam an der Zukunft der Branche zu arbeiten.
Es war eine sehr gute Mischung. Neben intensivem Networking gab es durchaus konkrete Impulse, die sich kurzfristig in Sortiments- und Beratungskonzepte unserer FHR-Partner übersetzen lassen. Für uns als Verbundgruppe ist das genau die Grundlage, aus der dann schnell tragfähige Projekte entstehen und am Ende ganz konkret Vorteile für unsere Partnerbetriebe.
Aus Sicht des Fachhandwerks liegt die größte Lücke weniger im Produkt als in der Umsetzbarkeit. Gefragt sind klare Konzepte, Systemlösungen und Unterstützung in Beratung, Kalkulation und Vermarktung. Genau hier setzt der FHR-Verbund mit den Service- und Leistungspaketen an.
Das klassische Messemodell stößt dort an Grenzen, wo es nur um Produktpräsentation geht. Seine Berechtigung hat es aber weiterhin als zentraler Treffpunkt für Austausch, Netzwerk, Trends und Inspiration, insbesondere, wenn Inhalte stärker auf die realen Anforderungen des Handwerks zugeschnitten sind.
Die Heimtextil sollte sich künftig noch stärker als Plattform für Orientierung, Vernetzung und Trends positionieren. Für Handwerk und Fachhandel braucht es mehr praxisnahe Inhalte, konkrete Lösungen und Dialogformate. Formate wie das Deco Team zeigen, wie Mehrwert entsteht, wenn Industrie, Verbundgruppen und Handel gemeinsam denken und handeln."
"Das Fachhandwerk braucht klare Narrative"
Helmut Stauner, Vertriebsleiter MZE
"Die Heimtextil 2026 war für mich Realismus mit klaren Aufbruchsmomenten - weniger Euphorie, aber deutlich mehr Ehrlichkeit. Ich bin mit einem nüchternen, zugleich konstruktiven Bauchgefühl zurückgekehrt: Der Markt ist anspruchsvoll, aber er beginnt wieder, sich ernsthaft mit Zukunftsfragen zu beschäftigen - und das ist die Voraussetzung für alles Weitere.
Es gab sowohl Impulse als auch Networking, aber mit veränderter Gewichtung. Kurzfristig wirksam waren vor allem Impulse rund um Sortimentsfokussierung, Vereinfachung und Systemlösungen - weniger neue Produkte, mehr Klarheit darüber, welche Produkte im Fachhandel wirklich funktionieren. Gleichzeitig war die Messe stark von Gesprächen geprägt, die eher strategisch als transaktional waren. Weniger direkte Abschlüsse, dafür ehrliche Diskussionen über Margen, Flächenproduktivität und Zielgruppen. Das halte ich aktuell für wertvoller als schnelle Deals.
Die größte Lücke zwischen Angebot und Bedarf sehe ich zwischen ästhetischem Anspruch und betrieblicher Realität. Viele Hersteller zeigen schöne, hochwertige Konzepte, aber zu selten Antworten auf Fragen wie: Wie verkaufe ich das effizient? Wie erkläre ich es dem Endkunden? Wie integriere ich es in bestehende Flächen und Prozesse?
Das klassische Messekonzept stößt dort an seine Grenzen, wo es zu viel zeigt und zu wenig einordnet. Geschäftsmodelle, Informationswege und Entscheidungsprozesse haben sich massiv verändert: Der Handel kommt heute mit konkreten Fragen, nicht mehr zum Stöbern. Ihre Berechtigung hat die internationale Leitmesse dort, wo sie Orientierung bietet, Relevanz bündelt und Menschen zusammenbringt, die sich im Alltag kaum Zeit für strategischen Austausch nehmen. Als reiner Produktmarktplatz funktioniert sie immer weniger. Als Plattform für Einordnung, Austausch und Haltung hingegen sehr wohl.
Wenn Messe als Ort der Orientierung verstanden wird, sollte die Heimtextil für das Fachhandwerk Kompass, nicht Schaufenster sein. Das bedeutet: weniger Parallelität, mehr Kuratierung, weniger Breite, mehr Tiefe. Das Fachhandwerk braucht klare Narrative, praxisnahe Formate und echte Dialogräume. Nicht nur Stände, sondern Inhalte, die helfen, Entscheidungen zu treffen."
"Ständiges Jammern bringt niemanden weiter"
Martin Auerbach, Geschäftsführer Verband der Deutschen Heimtextilien-Industrie
"Für uns war die Heimtextil ein Aufbruch. Ich vertrete mehrere Verbände, deshalb sehe ich die Messe aus unterschiedlichen Perspektiven. Mit der Zentralisierung auf die Hallen 3, 4, 5 und 6 hat die Messe ein klares Signal gesetzt. Das war quasi eine Operation am offenen Herzen - gut vorbereitet und mutig. Dem Konzept muss man jetzt Zeit geben. Die Frequenz war gut, das zeigt: Die Messe hat nach wie vor Relevanz.
Ehrlich diskutiert wurde vor allem die Rolle der Raumausstatter. Viele begreifen noch nicht, dass eine Messe eine Fortbildungsveranstaltung ist. Hier muss man das Mindset ändern: Eine Messe dient dazu, ein Gefühl für Marktbewegungen zu bekommen, Trends einzuordnen, Kontakte zu pflegen. Wer nur kommt, wenn der eigene Hauptlieferant ausstellt, verpasst die eigentliche Chance.
Wir müssen die Besuchergruppe der Raumausstatter wieder aktivieren. Die größte Baustelle dabei bleibt allerdings die Mentalität. Dieses ständige Jammern bringt niemanden weiter. Es scheint uns Deutschen in die Wiege gelegt zu sein, alles schwarz zu sehen. Ich zitiere da gern den Chefredakteur der Zeit, Giovanni di Lorenzo: ,Es gibt eine Pflicht zur Zuversicht.’ Das sehe ich auch so und ergänze: Krisen beginnen im Kopf - und sie enden auch dort.
Wir dürfen nicht reflexartig alles infrage stellen. Das neue Hallenkonzept muss sich erst verfestigen. Veränderungen brauchen Zeit. Generell gilt: Messen, die auf reine Masse setzen, funktionieren nicht mehr. Und die Branche muss an ihrer Professionalität arbeiten. Wer von Ästhetik lebt, kann sich keine Showrooms aus den 1990er-Jahren leisten. Das passt nicht zusammen. Gute Beispiele zeigen, dass es anders geht - Betriebe, die mutig investieren, Gewerke bündeln, innovative Präsentationskonzepte entwickeln. Diese ,Beispiele des Gelingens’ müssen sichtbarer werden.
Messe hat immer Zukunft. Vor 800 Jahren ging es schon um Schauen, Fühlen, Reden - und das ist heute nicht anders. Corona hat gezeigt, dass digitale Formate das persönliche Gespräch nicht ersetzen können. Produkte erleben, Menschen begegnen, Beziehungen aufbauen - das ist durch nichts zu substituieren. Was keine Zukunft hat, sind überdimensionierte Standflächen und reine Selbstdarstellung. Wenn die Branche ihre Nörgelkultur hinter sich lässt, dann reden wir in zwei, drei Jahren nicht mehr über Schrumpfung, sondern über Weiterentwicklung."
"Es würde etwas verloren gehen, das nie mehr zurückkommt"
Henning Ruf, Geschäftsführer Kaiser EDV
"Das Gesamtambiente auf der Heimtextil war sehr schön, vor allem im Deco Team. Auch die Frequenz war gut. Die Anzahl der deutschsprachigen Fachhändler und Fachhandwerker, insbesondere die Anzahl der Raumausstatter, ist allerdings weiter deutlich gesunken.
In meiner Wahrnehmung überwogen gute Gespräche und Networking ohne direkte Geschäftsabschlüsse. Unser Zielkunde ist der deutschsprachige Raumausstatter. Die Heimtextil deckt leider deren Sortiment nicht ab. Da ist eine Regionalmesse wie die Südbund Wohntage deutlich kompetenter, da dort alle Warengruppen präsent sind.
Wenn die Messe die deutschsprachigen Handwerker und Fachgeschäfte nicht mehr als Zielgruppe sieht, wird etwas verloren gehen, das nie mehr zurückkommt. Wenn beispielsweise eine Art Kongress-Format, am liebsten in Verbindung mit dem Deco Team, die Verbindung zwischen nationalen und internationalen Interessen weiter wahrnimmt, dann bleiben die unterschiedlichen Strukturen zumindest lose im Austausch. Das halte ich für sehr wichtig und zeitgemäß."
Stimmen aus dem Handwerk
-Warum haben Sie die Heimtextil besucht und hat sich dieser Aufwand für Ihren Betrieb gelohnt?
-Welche Rolle spielt eine Messe wie die Heimtextil heute für Ihre Sortiments- und Einkaufsstrategie?
-Gibt es Unterschiede zwischen dem, was Hersteller auf der Heimtextil präsentieren, und dem, was sich im Tagesgeschäft tatsächlich verkaufen und wirtschaftlich umsetzen lässt?
-Welche Formate, Inhalte oder Strukturen würden Sie sich wünschen, damit die Messe für Raumausstatter wieder attraktiver wird?
Auf Verbandsebene herrscht weitgehend Einigkeit darüber, dass die Heimtextil als Plattform für Orientierung und Austausch gebraucht wird. Doch im betrieblichen Alltag stellt sich die Frage oft deutlich pragmatischer: Lohnt sich der Aufwand - oder nicht? Die Perspektive der Raumausstatter zeigt, wie groß die Spannweite zwischen Anspruch und gelebter Realität inzwischen geworden ist.
"Messe funktioniert nur,
wenn auch Besucher kommen"
Romina Haller, Geschäftsführerin Haller Raumgestaltung
"Messe bedeutet für mich Treffen mit den Geschäftsführern vor Ort, sehen, wo die Branche steht, neue Trends und Inspirationen erleben. Gleichzeitig wollten wir auch ein aktives Statement setzen. Messe funktioniert nur, wenn auch Besucher kommen. Für uns hat es sich definitiv gelohnt. Und wie immer geht es darum, was man daraus macht.
Das kommt vermutlich auf die Größe und Positionierung des Betriebes an. Für uns ging es primär um Inspiration und Netzwerke.
Der Austausch mit unseren Lieferanten ist sehr eng und folglich fühlt es sich für uns nicht nach Diskrepanz, sondern eher nach partnerschaftlicher Zusammenarbeit an. Wir brauchen ein Miteinander.
Mehr visionärer Austausch durch gezieltes Connecten. Preisverleihungen wie der Heimtex Star sind schon eine sehr gute Möglichkeit, um Menschen zusammenbringen und Erfolgsbeispiele sichtbar zu machen. Wie überall brauchen wir Macher, die vorangehen und auch mutig Dinge neu denken."
Wir entdecken immer wieder neue Lieferanten"
Michael Kniess, Geschäftsführer Betten- und Raumausstattung Kniess
"Wir sind in Darmstadt quasi vor der Haustür der Heimtextil und haben keinen weiten Weg für einen Besuch. Leider waren aber auch dieses Jahr wieder viele Lieferanten nicht mit einem Messestand vertreten. Das ist anhand der schwierigen wirtschaftlichen Lage zwar verständlich, es schwächt aber die Aussagekraft einer einstigen Leitmesse in Sachen Textil massiv. Wir waren dieses Jahr mit allen zwölf Mitarbeitern auf der Messe. Für sie war es auf jeden Fall eindrucksvoll und immer noch überwältigend. Um neue Trends zu entdecken, lohnt sich ein Besuch immer noch.
Wir entdecken bei unseren Messebesuchen immer wieder neue Lieferanten, mit denen man Kontakte knüpft und auch Bestellungen tätigt. Unsere Netzwerke pflegen wir aber eher in der Erfa-Arbeit bei MZE und bei Unternehmer-Netzwerken wie BNI oder im örtlichen Gewerbeverein.
Natürlich zeigen die Hersteller immer ihre Highlights, die sich auch gut in der Ausstellung oder im Schaufenster machen. Unser Geld verdienen wir aber eher mit den unifarbenen Materialien und Stoffen.
Jahrelang wurden die Messestände immer größer und teurer, viele Firmen haben hier einfach übertrieben. Man sieht ja, dass auch die kleinen Messen mit kleinen Ständen gut besucht werden. Mir persönlich reicht es, wenn ich die Neuheiten sehe. Das Restprogramm haben wir dann meistens schon als Muster in der Firma. Deshalb besuchen wir auch gerne die Südbund Messe. Hier gefällt uns die Halle mit den Werkzeugen, und dass alle wichtigen Aussteller vertreten sind.
Ich würde versuchen, in Frankfurt die überzogenen Messepreise zu senken und alle wichtigen Lieferanten wieder auf die Messe zu ziehen."
"Die Heimtextil hat an strategischer Relevanz verloren"
Nicole Mayer, MYR Deco & More
"Wir sind wegen unseres Heimtex Stars zur Messe nach Frankfurt gefahren. Wir waren lange nicht mehr dort und wollten den Preis persönlich mit dem Team abholen, weil wir sehr stolz darauf sind. Ohne diesen Anlass wären wir vermutlich nicht gefahren.
Zum Netzwerken ist die Heimtextil eine gute Plattform, und besonders das Deco Team ist interessant. Für Sortiments- oder Einkaufsentscheidungen ist sie für uns aber weniger relevant. Viele Hersteller kommen aus dem Ausland, bei denen wir aufgrund der Mengen gar nicht einkaufen können. Das ist für unser Geschäftsmodell nicht praktikabel. Gerade im Stoffbereich fehlten für uns relevante Anbieter.
Der Aufwand ist hoch - lange Anfahrt, weite Wege auf dem Gelände und viele unserer Kernlieferanten sind nicht da. Für uns ist das einfach nicht effizient.
Die Heimtextil hat für uns an strategischer Relevanz verloren. Der Besuch war wegen des Preises ein schönes Erlebnis, aber für unser Tagesgeschäft bringt uns eine kompaktere Messe wie die Südbund Wohntage deutlich mehr. Dort sind fast alle unsere Lieferanten vertreten, alles ist kompakt und effizient."
"Abstrakte Präsentationen helfen im Tagesgeschäft nicht weiter"
Kerstin Schilling, Geschäftsführerin Lacolore-Schilling
"Ehrlich gesagt, wären wir eher nicht auf die Heimtextil gefahren, obwohl die Messe quasi vor der Haustür liegt. Von unseren Lieferanten waren nur sehr wenige vor Ort, und das rechtfertigt den Aufwand einfach nicht.
Generell spielen Messen für unsere Sortimentsgestaltung keine große Rolle mehr. Wir haben unsere Marken gefunden und sind sehr gut aufgestellt. Der Kontakt zu unseren Außendienstlern ist eng, neue Kollektionen werden direkt vorgestellt. Früher war eine Messe wichtig, um Produkte zu entdecken oder Lieferanten zu finden - diesen Bedarf haben wir heute nicht mehr.
Teilweise spürt man diese Diskrepanz schon. Viele Inhalte sind für kleinere oder spezialisierte Raumausstatter schlicht nicht relevant. Wenn Präsentationen so abstrakt sind wie beispielsweise die Trendshow der Messe, helfen sie uns im Tagesgeschäft nicht weiter.
Für uns wären mehr Hersteller interessant, die hier vor Ort sitzen und ein gutes Außendienstnetz haben. Viele internationale Anbieter sind für uns nicht relevant, weil sie nur große Mengen liefern."

Foto/Grafik: Adobe Stock/Prostock-studio
Über die Heimtextil müssen wir noch einmal sprechen

Foto: Adobe Stock/Prostock-studio

Foto/Grafik: ZVR
"Die führenden Anbieter müssen sich wieder klar zur Messe bekennen"
Ralf Vowinkel, Präsident ZVR
Ergänzend zur betrieblichen Sicht wollten wir die Perspektive des Handwerks auch aus Verbandssicht beleuchten und haben dazu Ralf Vowinkel, Präsident des Zentralverband Raum und Ausstattung (ZVR), um seine Einschätzung gebeten.
BTH Heimtex: Die Heimtextil versteht sich als internationale Leitmesse für Wohn- und Objekttextilien. Gleichzeitig nimmt die Präsenz des Raumausstatterhandwerks seit Jahren ab. Wo liegt das Problem?
Ralf Vowinkel: Wie so oft spielen mehrere Faktoren zusammen. Zum einen gelingt es der Messe zunehmend weniger, die prägenden Branchenanbieter als Aussteller zu gewinnen. Dadurch wird es schwieriger, Trends gebündelt sichtbar zu machen und als echte Leitmesse wahrgenommen zu werden.
Zum anderen hat sich das Order- und Informationsverhalten der Betriebe deutlich verändert. Während der Corona-Zeit haben viele Betriebe gelernt, Kollektionen über digitale Medien, Musterbestellungen und direkte Kontakte zu ordern.
Hausmessen und Großhandelsveranstaltungen sprechen die Zielgruppen gezielter an, sind wirtschaftlich effizienter und ermöglichen intensiveren Austausch unter Kollegen. Hinzu kommt die hohe Messedichte im Januar. Betriebe müssen sehr genau auswählen, welche Termine sich wirtschaftlich noch rechtfertigen lassen. Insgesamt sehe ich deshalb weniger ein reines Messeproblem oder ein reines Strukturproblem des Handwerks, sondern vor allem einen grundlegenden Wandel der Informations- und Beschaffungskultur in der Branche.
BTH Heimtex: Wo sehen Sie aktuell die größten inhaltlichen Schnittmengen – aber auch Reibungspunkte – zwischen Industrie, Messeveranstalter und Fachhandwerk? Welche konkreten Impulse wären notwendig, um diese Interessen wieder stärker zusammenzuführen?
Vowinkel: Eine Schnittmenge besteht weiterhin im Ziel, Produkte sichtbar zu machen und Marktimpulse zu setzen. Gleichzeitig haben sich die Prioritäten verschoben. Die Industrie kann Neuheiten heute über viele Kanäle kommunizieren und ist daher weniger auf die klassische Messe angewiesen. Für das Fachhandwerk steht dagegen zunehmend der konkrete Nutzen im Vordergrund: Zeitaufwand und Kosten müssen sich unmittelbar rechtfertigen lassen, gerade in einer schwächeren Konjunkturphase im textilen Bereich.
Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, dass Leitmessen primär Ordermessen sein müssen. Die Messe sollte stärker als Netzwerk-, Weiterbildungs- und Informationsplattform gedacht werden, gemeinsam mit Herstellern und Verbänden. Wenn Betriebe spürbaren Mehrwert mitnehmen, kommen auch die Frequenz und die Relevanz zurück.
BTH Heimtex: Das Handwerk steht vor großen Herausforderungen wie Fachkräftemangel, Digitalisierung, verändertem Konsumverhalten und zunehmendem Wettbewerbsdruck. Welche Rolle könnten Leitmessen wie die Heimtextil dabei spielen, Lösungsplattform und Zukunftsforum für das Handwerk zu werden?
Vowinkel: Entscheidend ist, ob es gelingt, Wissen gebündelt und praxisnah zu vermitteln. Eine Leitmesse kann hier eine zentrale Plattform sein, vorausgesetzt, sie bietet nicht nur Produktpräsentationen, sondern Orientierung: Markttrends, Geschäftsmodelle, Digitalisierung, Mitarbeitergewinnung und betriebliche Strategien. Dazu braucht es einen ausgewogenen Mix aus Inspiration, Fachinformation und konkretem Nutzen für die tägliche Arbeit im Betrieb.
BTH Heimtex: Was müsste sich verändern, damit die Messe für das Raumausstatterhandwerk langfristig wieder ein unverzichtbarer Treffpunkt wird?
Vowinkel: Die führenden Anbieter unserer Branche müssen sich wieder klar zur Messe bekennen – ohne relevante Aussteller verliert eine Leitmesse zwangsläufig an Bedeutung. Gleichzeitig braucht es ein stärker fokussiertes Programm mit erkennbarem Mehrwert für das Handwerk. Betriebe wollen Orientierung, Lösungen und Austausch – nicht nur Produktflächen. Und ganz praktisch: Für viele Betriebe wäre es wichtig, an einem Ort einen umfassenden Überblick zu erhalten – also Stoffe, Sonnenschutz, Tapeten, Bodenbeläge und Zubehör.
Foto: ZVR
aus
BTH Heimtex 03/26
(Wirtschaft)