Karl F. Buchheister e.K.
"Raumakustik ist keine Raketenwissenschaft"
Obgleich das Thema Akustik ein lukratives Zusatzgeschäft für Fachhandel und Raumausstatter ist, scheuen viele Betriebe diese Projekte. Ein Fehler, meint Oliver Metz-Gebhard, Akustikexperte der Marke Lautloz. Die Raumausstattung umfasse ja alle akustisch wirksamen Bereiche und Materialien.BTH Heimtex: Wenn man über Raumakustik spricht, denken viele zunächst an Tonstudios oder Konzertsäle. Inzwischen ist das Thema aber in ganz normalen Räumen angekommen. Wo begegnen Ihnen heute die häufigsten akustischen Probleme?
Oliver Metz-Gebhardt: Die größten akustischen Probleme finden wir dort, wo Menschen zusammenkommen, zum Beispiel in Restaurants, Hotels, Büros oder auch in modernen Wohnräumen. Die moderne Architektur ist oft mit viel Glas, Beton, großen Räumen und glatten Oberflächen geplant. Aber genau diese Materialien werfen den Schall zurück in den Raum. Dadurch entsteht schnell ein Geräuschpegel, der unerträglich wird. Und genau in diesem Moment wird den meisten Menschen klar, wie wichtig gute Raumakustik für unser Wohlbefinden und für gute Gespräche ist.
BTH Heimtex: Wo liegen die Ursachen?
Metz-Gebhardt: Moderne Architektur arbeitet häufig mit offenen Grundrissen, großen Glasflächen, Beton oder glatten Böden. Diese Materialien sind gestalterisch sehr attraktiv, reflektieren aber den Schall stark. Dadurch entsteht schnell ein Raum, der optisch beeindruckt, akustisch aber anstrengend wird.
Der eigentliche Punkt ist jedoch oft ein anderer: Akustik wird in der Planung häufig zu spät berücksichtigt. Man denkt zunächst an Design, Licht, Möbel und Technik - und erst wenn der Raum genutzt wird, merkt man plötzlich, dass Gespräche schwer verständlich sind oder der Geräuschpegel zu hoch wird. Dabei wäre es viel einfacher, Akustik von Anfang an mitzudenken. Heute können Decken und Wände längst Gestaltungselemente mit Funktion sein. Also sowohl akustisch wirksam als auch gestalterisch prägend für einen Raum. Moderne Lösungen verbinden Design und akustischen Komfort sehr selbstverständlich miteinander.
BTH Heimtex: Dennoch schrecken viele Fachhändler und Raumausstatter vor dem Thema zurück, weil sie es für technisch kompliziert halten.
Metz-Gebhardt: Sobald Begriffe wie Nachhallzeit, Frequenzdiagramme oder Normmessungen ins Spiel kommen, denken viele Fachhändler sofort: Dafür brauche ich einen Akustikingenieur. Dabei ist die Realität viel pragmatischer. In den meisten Räumen geht es zunächst darum, Schallreflexionen gezielt zu reduzieren. Also Flächen zu schaffen, die den Schall aufnehmen, statt ihn immer wieder in den Raum zurückzuwerfen. Schon wenige gut platzierte Akustikelemente können hier eine spürbare Verbesserung bewirken.
Ich sage deshalb oft: Raumakustik ist keine Raketenwissenschaft. Wenn Lösungen einfach planbar und verständlich sind, können Fachhändler ihre Kunden sehr gut beraten. Genau dann wird das Thema auch für Raumausstatter und Händler zu einem spannenden und zugänglichen Beratungsfeld.
BTH Heimtex: Sie sagen, dass die Decke häufig der effizienteste Ort für akustische Maßnahmen ist. Warum spielt sie eine so große Rolle - und wann sind Wandlösungen sinnvoller?
Metz-Gebhardt: Die Decke spielt akustisch eine besonders große Rolle, weil sie in vielen Räumen die größte freie Fläche ist und gleichzeitig direkt im Weg der Schallausbreitung liegt. Gespräche, Telefonate oder andere Geräusche breiten sich im Raum aus, treffen auf harte Oberflächen und werden wieder reflektiert. Wenn man an der Decke absorbierende Elemente platziert, kann man einen großen Teil dieser Reflexionen sehr effektiv reduzieren. Deshalb sind Deckensegel oder abgehängte Akustikelemente oft eine der effizientesten Maßnahmen, um den Nachhall in einem Raum deutlich zu verbessern, häufig sogar mit relativ wenigen Elementen.
Wandlösungen sind vor allem dann sinnvoll, wenn die Decke architektonisch nicht genutzt werden kann oder wenn große Reflexionsflächen an Wänden reduziert werden müssen, zum Beispiel in Besprechungsräumen, Restaurants oder Fluren. Oft entsteht die beste Wirkung sogar durch eine Kombination aus beiden.
BTH Heimtex: Welchen Unterschied in der akustischen Wirkung machen ein Stoff am Fenster und Akustikelemente an Decke oder Wand?
Metz-Gebhardt: Textilien am Fenster, also Vorhänge oder Stores, können die Raumakustik durchaus positiv beeinflussen. Sie brechen und dämpfen Schall, vor allem im mittleren und höheren Frequenzbereich. Deshalb merkt man oft schon eine Verbesserung, wenn große Glasflächen im Raum durch textile Materialien ergänzt werden. Der Unterschied zu gezielten Akustikelementen an Decke oder Wand liegt in der Wirkungsstärke und in der Position im Raum. Akustikelemente sind speziell dafür entwickelt, Schallenergie aufzunehmen und den Nachhall deutlich zu reduzieren. Sie verfügen über deutlich höhere Absorptionswerte und wirken meist über ein breiteres Frequenzspektrum.
Interessant ist dabei, dass gerade der Raumausstatter hier eine besondere Rolle einnimmt. Er ist meines Wissens das einzige Berufsbild, das alle relevanten akustischen Materialien im Raum vereint, von Vorhängen über textile Boden- und Wandbeläge bis hin zu speziellen Akustikelementen an Wand oder Decke. Dadurch kann er Räume ganzheitlich betrachten und sowohl gestalterisch als auch akustisch verbessern.
BTH Heimtex: Wo können Raumausstatter und der Fachhandel ansetzen?
Metz-Gebhardt: Die größte Chance für den Fachhandel liegt darin, dass Raumakustik ein Thema ist, das in sehr vielen Räumen aktuell noch ungelöst ist. Viele Menschen spüren, dass ein Raum "laut" oder anstrengend wirkt, wissen aber nicht genau, woran es liegt oder wie man es verbessern kann. Genau hier beginnt eine sehr wertvolle Beratung. Fachhändler und Raumausstatter haben dabei einen großen Vorteil: Sie arbeiten ohnehin mit vielen Materialien, die akustisch relevant sind. Zum Beispiel Vorhänge, textile Bodenbeläge oder Wandlösungen. Wenn dieses Wissen um gezielte Akustikelemente ergänzt wird, entsteht eine sehr ganzheitliche Betrachtung des Raumes.
Dazu kommt, dass Raumakustik für Kunden unmittelbar erlebbar ist. Ein Wohlbefinden merkt man oft sofort. Das macht das Thema für den Handel besonders spannend, weil es nicht nur gestalterisch, sondern auch funktional einen echten Mehrwert bietet.
BTH Heimtex: Lässt sich Raumakustik für das Beratungsgespräch grob kalkulieren?
Metz-Gebhardt: Kunden möchten im Beratungsgespräch verständlicherweise früh ein Gefühl dafür bekommen, in welcher Größenordnung sich eine Verbesserung bewegt. Dafür gibt es tatsächlich Erfahrungswerte, mit denen der Fachhandel arbeiten kann. Aus vielen realisierten Projekten wissen wir zum Beispiel, dass sich eine spürbare akustische Verbesserung häufig schon mit relativ wenigen Elementen erreichen lässt. In unserem Akustikprogramm Lautloz arbeiten wir beispielsweise mit Deckensegeln, die sich sehr einfach montieren lassen. Ein kleines Set bestehend aus drei runden Deckenelementen in verschiedenen Durchmessern, kann bereits eine Fläche von etwa 10 m
2 akustisch deutlich verbessern. Der Kostenrahmen bewegt sich dabei häufig in einer Größenordnung von rund 100 EUR/m
2.
Ergänzend können auch textile Lösungen wie unsere Objektz Vorhangkollektion einen wichtigen Beitrag leisten, insbesondere bei großen Glasflächen oder in Räumen mit viel Hall. Solche Erfahrungswerte helfen dem Fachhandel sehr, dem Kunden früh eine Orientierung zu geben. Natürlich ersetzt das keine genaue Planung oder akustische Berechnung, aber es ermöglicht eine erste realistische Kosteneinschätzung - und genau das wünschen sich viele Kunden am Anfang eines Projekts.
BTH Heimtex: Ist Raumakustik vor allem ein Thema für das Objekt oder sehen Sie auch im privaten Wohnbereich Nachfrage?
Metz-Gebhardt: Traditionell kommt das Thema Raumakustik tatsächlich stark aus dem Objektbereich. Dort wird schon seit vielen Jahren gezielt mit akustischen Lösungen gearbeitet. Gleichzeitig beobachten wir aber sehr deutlich, dass das Thema auch im privaten Wohnbereich immer wichtiger wird. Aus diesem gehen wir auch verstärkt das Thema Wohnen an. Mit warmen neuen Farben wie Beige oder der Möglichkeit des Digitaldruckes sowie neuen Formen und Lösungen speziell für den Wohnbereich. Ich bin deshalb überzeugt, dass Raumakustik in Zukunft nicht nur ein Objekt-Thema bleibt, sondern immer stärker auch im privaten Wohnraum an Bedeutung gewinnt.
BTH Heimtex: Also Raumakustik als fester Bestandteil der Innenraumplanung - ähnlich wie Sicht- und Sonnenschutz?
Metz-Gebhardt: Dahin geht der Trend. Je offener und reduzierter Architektur gestaltet wird, desto wichtiger wird es, auch über den Klang eines Raumes nachzudenken. Menschen verbringen immer mehr Zeit in Innenräumen, ob beim Arbeiten, Wohnen oder in der Gastronomie. Dabei spielt nicht nur das Aussehen eines Raumes eine Rolle, sondern auch, wie angenehm er sich anfühlt und wie gut Kommunikation möglich ist.
Ich glaube deshalb, dass Raumakustik in Zukunft viel früher in der Planung berücksichtigt wird. Idealerweise bereits zusammen mit Materialien, Licht und Einrichtung. Und genau hier können Fachhandel und Raumausstatter eine wichtige Rolle übernehmen, weil sie Gestaltung und Funktion im Raum miteinander verbinden.
Die Fragen stellte Michaela Fischer.Fünf akustische Problemzonen - und die passenden textilen Lösungen
1. Fenster
Problem: Glas reflektiert Schall sehr stark. Räume mit vielen Fenstern wirken deshalb oft schnell laut oder hallig.
Textile Lösung: Vorhänge oder Stores aus geeigneten Stoffen können diese Reflexionen deutlich reduzieren.
2. Decke
Problem: In offenen Wohnräumen, Büros oder Restaurants entstehen viele Schallreflexionen über die Decke.
Textile Lösung: Akustisch wirksame Deckensegel oder Deckenelemente können hier sehr effizient den Nachhall reduzieren.
3. Boden
Problem: Parkett, Fliesen oder Betonböden reflektieren ebenfalls viel Schall und verstärken den Geräuschpegel.
Textile Lösung: Teppiche oder textile Bodenbeläge helfen, Schall zu dämpfen und die Raumakustik angenehmer zu machen.
4. Wände
Problem: Leere Wände wirken wie Spiegel für den Schall. Besonders in Besprechungsräumen oder Wohnbereichen kann das zu unangenehmem Hall führen.
Textile Lösung: Wandbespannungen oder Akustikelemente an der Wand reduzieren diese Reflexionen.
5. Offene Raumkonzepte
Problem: In offenen Grundrissen oder Großraumbereichen überlagern sich Gespräche schnell.
Textile Lösung: Eine Kombination aus Vorhängen, Wandabsorbern Raumteilern und Deckenelementen kann den Geräuschpegel senken.
aus
BTH Heimtex 04/26
(Wirtschaft)