IHD Fußbodenkolloquium 2025: Normung, Nachhaltigkeit und innovative Verfahren

"Neue Beläge braucht das Land"

Das 15. IHD-Fußbodenkolloquium verdeutlichte das breite Spektrum der Aufgaben und Aktivitäten der Bodenbelagsindustrie - von neuen europäischen Regulierungsvorhaben über innovative Sortier- und Recyclingverfahren bis zu alternativen Bindemitteln. Das IHD positioniert sich dabei als Impulsgeber und Wissensplattform und bot eine gelungene Mischung aus strategischen, wissenschaftlichen und praxisbezogenen Inhalten.

Mit 15 Fachvorträgen, über 70 Teilnehmenden vor Ort und weiteren online zugeschalteten Gästen fand Mitte November 2025 das 15. Fußbodenkolloquium des Instituts für Holztechnologie Dresden, IHD, statt. Das etablierte Expertentreffen bot erneut eine umfassende Plattform für den Austausch zur Normung, technologischen Innovationen und nachhaltigen Lösungen entlang der gesamten Wertschöpfungskette von Parkett-, Laminat- und Designböden sowie elastischen Belägen.

Die Veranstaltung verdeutlichte das breite Spektrum der Aufgaben und Aktivitäten der Industrie: Neue europäische Regulierungsvorhaben bringen wesentliche Herausforderungen mit sich, gleichzeitig wird an technologischen Innovationen gearbeitet - von Sortier- und Recylingverfahren über alternative Bindemittel bis in zu optimierten Prüfmethoden. Das IHD positioniert sich dabei als Impulsgeber, Normungsbegleiter und Wissensplattform.

Den Auftakt gestaltete Dr. Rico Emmler, Geschäftsführer des Entwicklungs- und Prüflabors Holztechnologie Dresden, EPH, mit einem strukturierten Überblick über die wichtigsten Entwicklungen der Bodenbelagsnormung der vergangenen zwei Jahre sowie regulatorische Anpassungen wie die REACH-Einstufung von Melamin. Eine zentrale Neuerung ist die Zusammenführung der Normen EN 13329, EN 14978 und EN 15468 zur neuen DIN EN 13329:2024, was einen wichtigen Beitrag zur Reduktion der Komplexität in der Normenlandschaft leistet. Emmler ergänzte Hinweise zur überarbeiteten DIN 1815:2025 (elektrostatisches Verhalten) sowie zu furnierten Böden.

Neue Bauproduktenverordnung:
Nachhaltigkeit im Fokus

Dr. Jens-Christian Winkler (TFI Aachen) informierte über die grundlegende Reform der europäischen Bauproduktenverordnung. Die Einführung des sogenanten AVS 3+ Systems stellt künftig die ökologische Nachhaltigkeitsbewertung verpflichtend unter die Überwachung unabhängiger notifizierter Stellen; bislang lag der Fokus überwiegend auf der technischen Leistungsfähigkeit der Produkte. Hersteller müssen ihre Prozesse, Daten und Dokumentationen schrittweise anpassen, während neue Validierungs- und Verifizierungsstellen von der EU notifiziert werden. Die Umsetzung soll laut Winkler gestaffelt und produktgruppenabhängig erfolgen.

In der Diskussion wurde deutlich, dass inbesondere kleine und mittelständische Unternehmen hier künftig vor beträchtlichen Herausforderungen stehen können. Viele Regelungsdetails sind noch offen, so dass erst noch weitere Konkretisierungen abgewartet werden müssen.

Innovationsfindung
mit Dampfkochtopf

Auf großes Interesse stieß der Vortrag von Simon Verkinderen (Unilin), der ein innovatives Verfahren zur Rückgewinnung von Fasern aus MDF/HDF vorstellte. Der prozessschonende Faseraufschluss mit Wasserdampf geht auf eine interne Idee zurück, die mithilfe eines schlichten Dampfkochtopfs getestet wurde - ein bemerkenswertes Beispiel praxisnaher Innovationsfindung. Klar wurde, dass der wirtschaftliche Transportradius für Altlaminat bei rund 300 km liegen sollte. Kosten nannte Verkinderen nicht. 2026 ist das Go-live geplant. Etwa ein Drittel seines Faserbedarfs will Unilin dann durch recyceltes Material decken.

Intelligente Sortiersysteme
als Schlüssel zur Kreislaufwirtschaft

Die Recyclingquoten für MMF-Fußböden sind noch niedrig. Das liegt vor allem an den heterogenen Materialkombinationen mit PVC, PP, PET und PU in Verbindung mit verschiedenen Trägeroptionen wie HDF oder mineralischen Verbundwerkstoffen. "Intelligente Sortiersysteme sind daher der Schlüssel zur Kreislaufwirtschaft", betonte Joost Luhmann (Novalis Europe). Zurzeit testen Industrie und Verbände verschiedene Sortierverfahren und realitätsnahen Bedingungen. Luhmann zeigte auf, welche Potenziale Laser- und Röntgentechnik, KI-basierte Identifikationssysteme und weitere sensorische Verfahren bieten. Deutlich wurde, dass die Branche die Herausforderung erkannt hat und mit hoher Entwicklungsintensität nach Lösungen sucht.

Woodpowder-Technologie als Alternative zu Melamin

Göran Ziegler (Välinge) führte in die von den Schweden entwickelte Woodpowder-Technologie ein, die mit oder ohne separate Deckschicht (Furnier) funktioniert und bereits seit mehreren Jahren industriell angewendet wird. Ihr wesentliches Potential sieht Välinge in der Ressourcensparung von Holz und der Substitution von Melaminharz bei teils vergleichbaren oder sogar verbesserten Eigenschaften.

Optimierungssansätze
bei Laminatböden - Ideen und Praxis

Der zweite Veranstaltungstag wurde von Petra Schulz eröffnet, Leiterin des Ressorts Oberfläche am IHD. Sie begrüßte als ersten Redner Volker Kettler (Meisterwerke), der ein eindrucksvolles Plädoyer für mehr Innovationskraft in der Bodenbelagsindustrie hielt. Unter der Überschrift "Neue Beläge braucht das Land" zeigte er auf, dass Laminatboden - obwohl ein ausgereiftes Produkt und trotz rückläufiger Absatzzahlen im europäischen Markt - unverändert hervorragende Eigenschaften in Funktionalität und Ästhetik bei einem attraktiven Preisniveau aufweisen und somit großes Zukunftspotential besitzen.

Er hatte auch konkrete Optimierungsvorschläge parat, unter anderem weichere Oberflächen, melaminfreie Systeme, die normativ grundsätzlich möglich sind, verzugsarme Aufbauvarianten, verbesserte Fußwärme und leisere Konstruktionen. Als Basis für neue Trägerplattenwerkstoffen verwies er auf die textilen Abfallströme von rund 170.000 t/Jahr in der EU. Versuche hierzu liefen bereits, einige Ergebnisse seien sogar schon im Markt erhältlich. Zu allen angesprochenen Punkten hatte er Muster aus der Meister-eigenen Forschungs- und Entwicklungsabteilung mitgebracht, die für große Aufmerksamkeit sorgten. Insgesamt war sein Vortrag eine gelungene Verbindung von Ideen und Anwendungen.

Und Petra Schulz präsentierte noch eine kompakte Tischversion des Hot Spot-Testverfahrens zur Beurteilung der thermischen Belastbarkeit von Oberflächenbeschichtungen. Diese Weiterentwicklung ermöglicht eine effizientere und praxisnahe Prüfung im Laboralltag.

<b>Ralf Eisermann


DIN 13329:2024

In der neuen DIN EN 13329:2024-03 sind Eigenschaften, Anforderungen und Prüfverfahren für Laminatböden sowie Anforderungen an die Kennzeichnung und Verpackung festgelegt. Sie basiert auf der Zusammenführung der bisherigen Normen EN 13329, EN 14978 und EN 15468.
"Neue Beläge braucht das Land"
Foto/Grafik: Johannes Heinelt
15 Fachvorträge, über 70 Teilnehmende vor Ort und weitere online zugeschaltete Gäste: Das war des 15. Fußbodenkolloquium des IHD in Dresden.
"Neue Beläge braucht das Land"
Foto/Grafik: Johannes Heinelt
Etabliertes Expertentreffen, praxisnahe Vorträge: die Redner des IHD Fußbodenkolloquiums 2025.
"Neue Beläge braucht das Land"
Foto/Grafik: Johannes Heinelt
Volker Kettler: "Weichere Oberflächen, melaminfreie Systeme, verbessere Fußwärme und leisere Konstruktionen sind Optimierungsmöglichkeiten bei Laminatböden."
"Neue Beläge braucht das Land"
Foto/Grafik: Johannes Heinelt
Dr. Jens-Christian Winkler: "Bei der Reform der Bauproduktenverordnung steht die ökologische Nachhaltigkeitsbewertung im Fokus."
"Neue Beläge braucht das Land"
Foto/Grafik: Johannes Heinelt
Nachgefragt zum Thema Normung bei Dr. Rico Emmler, EPH Dresden
"Wer nicht normt, der wird genormt"

Parkett Magazin: Die Normenbündelung für Fußböden in der neuen DIN 13329:2024 ist ein bedeutender Meilenstein. Neben der vereinfachten Anwendung und Umsetzung stellt sich die Frage nach dem Qualitätsniveau der Produkte. Wo sehen Sie noch Potenzial für Qualitätsverbesserungen ?

Dr. Rico Emmler: Jede Fußbodengattung hat Stärken und Verbesserungspotentiale. Verbesserungspotentiale bei Laminatböden sind nach wie vor die Raumschalleigenschaften und die Fußkälte (dafür gibt es auch noch kein Prüfverfahren), bei Böden mit elastischen Oberflächen ist es oft die Beständigkeit gegen tiefergehende Kratzer, bei Holzböden können es die Fleckenbeständigkeit und die Verschmutzungsneigung sein. Es gibt dafür vereinzelt Lösungen, die sich aber aus Kostengründen oder auch schlechterer Recycelfähigkeit nicht durchgesetzt haben.

In Zeiten gefühlter Überregulierung – brauchen wir wirklich noch mehr Normen?
Bei Anforderungsnormen gibt es eher Bedarf auf internationaler ISO-Ebene, um den Handel zu erleichtern oder für völlig neue Fußbodenprodukte. Vielleicht überlegt sich ja auch irgendwann die europäische Parkettbranche Anforderungen an Oberflächen festzulegen, da gibt es zum Beispiel noch nichts.

Bei Prüfverfahren sehe ich Normungsbedarf bei neuen funktionalen Eigenschaften. Wenn zum Beispiel selbstheilende Parkettlackierungen deklariert werden, gibt es bisher kein genormtes Prüfverfahren, um dies nachzuweisen. Insgesamt gesehen haben wir aber einen hohen Abdeckungsgrad mit Normen erreicht.

Wo gibt es konkrete Möglichkeiten für Vereinfachungen innerhalb der Normung?
Ich sehe eher Probleme bei den internen Abläufen in der Normung. Es ist zum Beispiel nicht so einfach, befristet Experten für bestimmte Gebiete ohne Mitgliedschaften in den Normausschüssen einzubinden.
Welche zentralen Themen werden die Bodenbelagsbranche in den kommenden Jahren prägen – welche Unterstützung kann das IHD dabei leisten?
Die Einführung der Bauproduktenverordnung und weitere legislative Themen wie zum Beispiel der Recyclinggehalt werden große Herausforderungen sein. Das IHD kann bei der Suche nach Produktinnovationen unterstützen und natürlich auch beim objektiven Qualitätsnachweis von Innovationen der Industrie.

Die EU hat Melamin in die Liste zulassungspflichtiger Stoffe aufgenommen. Haben wir nun ein Melaminproblem?
Mit den gängigen Bodenbelägen haben wir kein Melaminproblem. Der bei uns gemessene Gehalt an freiem Melamin lag immer deutlich unter den Grenzwerten. Problematisch wird es, wenn Private Labels die Melaminanwendung generell ausschließen.

Wenn Sie einen Wunsch an die Branche frei hätten – welcher wäre das?
In nächster Zeit werden viele Normungsexperten in Rente gehen. Ich wünsche mir, dass die Unternehmen Nachbesetzungen vornehmen und nicht an der falschen Stelle sparen. Es gilt nach wie vor: Wer nicht normt, der wird genormt.
"Neue Beläge braucht das Land"
Foto/Grafik: Johannes Heinelt
Nachgefragt zum Thema Recycling bei Joost Luhmann, Global Sustainability Manager Novalis
"Einheitliche Standards fehlen"

Wie weit sind die Hersteller polymerer Fußbodenlösungen mit dem Thema Materialidentifizierung im Rahmen des Recyclings?

Joost Luhmann: Wir sehen beim Recycling immer noch große technische Herausforderungen – gerade durch die unterschiedlichen Aufbauten bei verschiedenen Bodenbelagslösungen, die beim Recycling zuerst identifiziert werden müssen. Und dazu gibt es noch keine einheitlichen Standards. Insofern ist die Bodenbelagsbranche noch nicht da, wo sie gerne sein möchte.

Wo ist Handlungsbedarf?
Sicher ist die Zusammenarbeit aller Hersteller noch weiter zu intensivieren, wobei durch die eben benannten unterschiedlichen Konstruktionen und auch verschiedenen Materialien wie PVC, PP, PU und PE das ganze Thema nicht einfach zu entwickeln ist.

Wie ist die Situation speziell in Europa?
Europa bezieht sehr viele Kunststoff von außerhalb, besonders aus Asien, wo auch die größten Produktionsstätten liegen. Europa darf – das ist bzw. wird ab 2026 gesetzlich verboten – im Wesentlichen keine Kunststoffabfälle mehr exportieren – mit wenigen Ausnahmen. Insofern ist das Thema Recycling für Europa dann noch von höherer Bedeutung.

Wo steht Ihr Unternehmen Novalis?
Wir sind sehr stark in Forschung und Entwicklung aktiv, um die Recyclate wieder in der Produktion einzusetzen. Die Kooperation mit Recyclern und die Weiterentwicklung der sogenannten Tracertechnologie zur bestmöglichen Unterscheidung bei der Sortierung sind aktuell große Themen. Die klare Differenzierung der einzelnen Polymere sehen wir als wesentlichen Schritt. Nur so können wir sauber trennen und die Wertstoffe wieder in unsere Produkte einarbeiten.

Was steht für 2026 auf Ihrer Agenda?
Unsere nächste Entwicklung geht in den Bereich PVC-freier Bodenbeläge. Wir werden hier Markierungen im Produkt platzieren, die beim späteren Recycling eine eindeutige Materialidentifizierung ermöglichen – eben das, was heute noch als Standard fehlt.
aus Parkett Magazin 01/26 (Wirtschaft)