Interview mit Sabrina Voecks von JOI-Design

"Reduzierung und starke Farben sind die Trends"

Über allen Trendrichtungen steht die Individualisierung. Das gilt für die Hotel-Einrichtung ebenso wie für die Gestaltung privater Räume. Innenarchitektin Sabrina Voecks erläutert, dass Doppelfunktionen in den Gästezimmern auch für kleine Wohnungen übernommen werden können.

In der Einrichtung geht es ja wie in der Mode auch um die aktuelle Entwicklung. Welchen Trend gibt es derzeit?

Sabrina Voecks: Es gibt nicht den einen Trend, sondern verschiedene Trend-Richtungen. Ein großes Thema ist Individualisierung. Für die Hotellerie erarbeiten wir entsprechend Konzepte, die stärker auf Zielgruppen ausgerichtet sind. Es geht darum, ein bestimmtes Publikum im Hotel anzusprechen, also den Community-Gedanken zu stärken. Wir versuchen schon seit vielen Jahren, die öffentlichen Flächen im Hotel so zu gestalten, dass Menschen sich dort gerne aufhalten. Anders als früher, als sich kaum jemand in die große menschenleere Lobby traute, ist diese heute ein lebendiger Raum, in dem viel passiert, Menschen aufeinander zugehen und sich vernetzen. Sie fühlen sich durch die Zielgruppenorientierung miteinander verbunden, weil sie annehmen, alle das gleiche Mind-Set zu haben und sich damit von anderen Gruppen unterscheiden.

Was bedeutet Individualisierung für die Privatwohnung?

Voecks: Ich kann mich individuell ganz nach meinem Gusto einrichten. Wir sehen dabei zwei maßgebliche Trends. Das eine ist die Reduktion. In der Corona-Zeit haben sich die Menschen mehr Zeit für sich selbst genommen. Im Zuge dieser Entwicklung haben sie sich Rückzugsorte gesucht, die Ruhe und Selbstreflexion bieten. Deren Gestaltung ist entsprechend reduziert. Helle monochrome Farben dominieren. Diese Richtung gibt es auch im Hospitality-Bereich. Die Zimmer sind reduziert, während die Gäste in den Publik-Areas verarbeiten können, was sie so erlebt haben. Der zweite Trend Color-Blocking kommt aus Frankreich und Italien in unsere Privaträume. Alles ist in verschiedenen, starken Farben gehalten, die auch mal gegeneinander arbeiten können. Vor einer blau-grünen Wand kann ein Stuhl in Orange stehen. Man traut sich wieder, sich bunt und fröhlich einzurichten.

In der Hotellerie muss auf kleinem Raum Flexibilität geschaffen werden. Können Einrichter privater Wohnungen von Hotel-Designern lernen, wie kleine Wohnbereiche gestaltet werden können, die angesichts explodierender Mieten an Bedeutung zunehmen?

Voecks: Im Hospitality haben wir oft sehr kleine Zimmer und dafür mehr Platz in den Public Areas. Deshalb muss man im Zimmer manche Dinge zweifach nutzen. So kann ein Nachttisch gepolstert sein und damit sowohl als Sesselbank als auch Kofferablage genutzt werden, während ich, wenn ich im Bett liege, mein Buch oder mein Handy dort ablegen kann. Die Elemente verändern je nach Anforderung ihre Funktion. Weiter kann man in Räumen wie Badezimmer eine kleine Kitchenette einbauen oder das Handwaschbecken aus dem Bad herausholen und in die Wohnfläche als Designobjekt integrieren. Neben dem Handwaschbecken gibt es Ablagefläche für Accessoires.

Gibt es weitere Beispiele?

Voecks: Ja, das gleiche lässt sich im Extended-Stay-Bereich umsetzen, also in Hotels, in denen der Gast für längere Zeit bleibt. Dort gibt es für jedes Zimmer kleine Küchen. Die könnten aus dem Schrankbereich herauswachsen. So hätte man eine Doppelfunktion als Garderobe und Küche. An einem kleinen Tisch könnte der Gast das Gekochte konsumieren und später als Arbeitsplatz nutzen. Doppelfunktionen machen es möglich, dass man auf kleinstem Raum alle wichtigen Funktionen anbieten kann.

Im Hinblick auf Homeoffice kommt der Doppelfunktion eine wachsende Bedeutung zu. Werden auch in Hotels mobile Arbeitsplätze eingerichtet?

Voecks: Auf alle Fälle. Hier geht es um die Frage, ob im Hotelzimmer ein großer Schreibtisch noch nötig ist. Die Menschen arbeiten heute mit dem Laptop, alles ist digital. Da reicht ein gepolsterter Fenstersitz, von dem aus der Gast einen Ausblick auf die Stadt oder die Natur hat. Man braucht nur noch einen kleinen schwenkbaren Schreibtisch, der groß genug für ein Laptop ist. Und wer gerne im Bett arbeitet, braucht dafür nur ein kleines Tableau. Mit dieser Einrichtung wird temporäres und flexibles Arbeiten im Hotel möglich. Man arbeitet heute dort, wo man Platz findet und sich gerne aufhält. Das Ganze sollte von loungigem Charakter sein, damit man sich wohl fühlt.

Kann diese Flexibilität dazu führen, dass feste Wände zwischen Räumen überflüssig werden?

Voecks: Ja, eine Unterteilung von Funktionsbereichen muss keine Wand sein. Für ein Long-Stay-Apartmenthaus haben wir beispielsweise ein bewegbares Element mit Schrank, Küche und Laundry entwickelt. Wenn ich diesen Inhalt nicht brauche, kann ich das Element zurückdrehen und habe mehr Fläche für mein Wohn- oder Schlafzimmer.

Steigende Mieten vergrößern die Nachfrage nach kleineren Wohnungen. Doppelfunktionen von Einrichtungselementen sind auf geringer Fläche sehr praktisch. Sie sagten, helle, monochrome Farben liegen im Trend. Bringen sie optisch mehr Größe?

Voecks: Helle Decken und helle Wände machen den Raum größer, weil mehr Licht optisch mehr Fläche erzeugt. Aber es gibt auch andere Ansätze. So lassen sich durch verschiedene Farbgruppen Wohnbereiche voneinander abtrennen. Das bringt mehr Vielfalt in die Fläche, die dadurch größer wirkt.

Nach Wand und Decke ist auch der Boden ein wichtiger Bestandteil der Raumgestaltung. Früher dominierte der Teppichboden, heute wird überwiegend Vinyl verlegt. Wie sieht die Entwicklung im Hotel aus?

Voecks: Der Teppichboden ist zwar immer noch der klassische Belag im Hotelzimmer, aber auf dem Rückmarsch. Häufig wird heute Teppich auf einen Hartbelag gelegt. Die Entscheidung für den Hartboden hat im Hospitality-Bereich hygienische Gründe. Hartböden lassen sich besser reinigen als Teppichböden. Sie geben auch dem Gast das Gefühl, sauberer zu sein.

Wer setzt eher Einrichtungstrends: Hotels oder der Privatbereich?

Voecks: Trends setzen die Menschen. Wir schauen uns die Transformation der Gesellschaft an und leiten daraus die Trends ab. Beispiel: In der Corona-Zeit haben sich die Bedürfnisse der Menschen stark verändert, teilweise um 180 Grad. Wir hatten eingangs ja über Individualisierung gesprochen. Da sind große Schritte nicht mehr zu erwarten, es wird sehr kleinteilig. Es gibt sehr viele verschiedene Trendbewegungen. Die größten Themen sind Gesundheit und die Sinnhaftigkeit unseres Handels. Dabei denken wir auch an die Nachwelt. Nachhaltigkeit spielt da mit rein. Das heißt, wenn ich über Gesundheit spreche, meine ich auch die Gesundheit der Erde. Der Mensch will sich um sich selbst und die Umwelt kümmern. Einrichtungsmaterialien müssen entsprechend nachhaltig sein.
| Die Fragen stellte Cornelia Küsel


Daten + Fakten JOI-Design
Daten und Fakten
JOI-Design
Bebelallee 141
22297 Hamburg
Tel.: 0 40 / 6 89 42 10
www.joi-design.com

Gegründet: 2003
Geschäftsführer:
-Corinna Kretschmar-Joehnk
-Sabrina Voecks
-Heinrich Böhm
-Peter Joehnk
-Thomas Scholz

Mitarbeiter: 38

Serviceleistung: Innenarchitektur, Interior Design, Produktdesing & Beratung in den Bereichen Hotel, Restaurant, Service Apartment, Office, Spa & Residential
"Reduzierung und starke Farben sind die Trends"
Foto/Grafik: Christian Kretschmer für JOI-Design
Im Projekt Stay KooooK Bern verfügen die Einrichtungselemente über Doppelfunktionen. Damit wird weniger Fläche verbraucht.
aus BTH Heimtex 07/23 (Handel)