Holzlacke balancieren zwischen nachhaltig und leistungsfähig

Holzbeschichtungen müssen heute vielfältige Anforderungen erfüllen. Drei Experten geben Einblick in den Stand der Technik und skizzieren, wohin sich der Holzschutz in den nächsten Jahren bewegen wird.

Wasserverdünnbare Lacksysteme haben sich in vielen Bereichen des professionellen Holzschutzes etabliert. Gleichzeitig wachsen die Anforderungen an Nachhaltigkeit, Gesundheit und Langlebigkeit. Zwischen biobasierter Rohstoffchemie, biozidfreien Formulierungen und dem Wunsch nach effizienteren Verarbeitungssystemen entsteht ein komplexes Spannungsfeld, das Hersteller, Händler, Verarbeiter und Bauherren gleichermaßen betrifft.

Wasserlacke werden zum Standard

Noch vor wenigen Jahren betrachteten viele Profis wasserverdünnbare Lacke als Kompromisslösung. Heute zeigt sich ein deutlich anderes Bild. Hersteller wie Caparol, Dörken oder Adler verfügen inzwischen über vollständige Wasserlacksortimente, die den herkömmlichen lösemittelhaltigen in kaum einem Punkt nachstehen. Yannick Heil, Technischer Berater mit Schwerpunkt Lacke und Lasuren im DAW Vertrieb, beschreibt diesen Fortschritt als "konsequente Weiterentwicklung der wasserbasierten Rezepturen", die inzwischen in der Praxis eine Qualität erreichten, die selbst in anspruchsvollen Anwendungsfeldern Bestand hat. Freibewitterungsversuche bestätigen diese Entwicklung. Auch Benedikt Müller-Wortmann, Portfolio-Manager ExteriorSolutions bei Dörken Coatings, sieht wasserbasierte Systeme überall dort als gleichwertig an, wo die Maßhaltigkeit des Bauteils gegeben ist und normgerechte Schichtaufbauten möglich sind. Rainer Troppmair, Leiter der Entwicklung Fenster- und Bautenlacke beim österreichischen Lackhersteller Adler, betont die Vorteile, die sich aus der niedrigen Geruchsbelastung, der Emissionsarmut und den inzwischen hohen mechanischen Eigenschaften ergeben. In seinem Unternehmen entfallen bereits deutlich über zwei Drittel des Umsatzes auf wasserbasierte Systeme - ein klarer Hinweis darauf, wie stark sich der Markt in den vergangenen Jahren verschoben hat.

Trotzdem bleiben lösemittelhaltige Varianten relevant. Unter ungünstigen Witterungsbedingungen, etwa bei hoher Luftfeuchtigkeit, extremen Temperaturen oder der Verarbeitung auf der Baustelle im Spätherbst, bieten sie weiterhin mehr Toleranz. Troppmair spricht von "gutmütigen Systemen", die auch bei suboptimalen Bedingungen zuverlässig trocknen. Benedikt Müller-Wortmann ergänzt, dass bei stark exponierten Bauteilen unter Extrembedingungen die lösemittelhaltige Variante eine höhere Sicherheit bietet, da sie oft abriebfester und widerstandsfähiger gegen äußere Einflüsse ist - eine einheitliche Lösung "für alle Fälle" gebe es noch nicht.

Ein-Topf-Systeme:
Effizienzgewinn im
professionellen Alltag

Parallel zum Vormarsch der Wasserlacke gewinnen Ein-Topf-Systeme bzw. Ventilationslacke an Bedeutung. Sie vereinen mehrere Schichten in einem Produkt und reduzieren damit Fehlerquellen, Logistikaufwand und Arbeitszeit. Vor allem in der Renovierung, aber zunehmend auch im Neubau, gelten sie als praxistaugliche Alternative. Yannick Heil sieht sie als "sichere Allroundlösung", die sowohl Grund- als auch Zwischen- und Endbeschichtung übernimmt und dabei ein gleichmäßiges Oberflächenbild erzeugt. Auch Benedikt Müller-Wortmann beschreibt moderne Ein-Topf-Systeme als leistungsfähig genug, um klassischen Mehrschichtsystemen in der Dauerhaftigkeit, dem UV-Schutz und der Optik das Wasser zu reichen. Für begrenzt maßhaltige Bauteile empfiehlt er wasserverdünnbare Varianten, da diese die Holzbewegungen besser ausgleichen.

Adler hingegen setzt bei maßhaltigen Bauteilen weiterhin auf den klassischen Systemaufbau. Rainer Troppmair weist darauf hin, dass insbesondere Fenster und Außentüren sehr klar definierte normative Anforderungen erfüllen müssen. Hier biete die Kombination aus Imprägnierung, Grundierung, Zwischen- und Decklack seit vielen Jahren eine bewährte Systemstabilität, die man bei Neubauprojekten nicht leichtfertig aufgeben sollte. Dennoch sieht auch er moderne 2in1Produkte als wirkliche Option - vor allem in der Sanierung und bei weniger normkritischen Bauteilen.

Biozide:
Die Suche nach dem richtigen Maß

Kaum ein Thema wird im Holzschutz so sensibel diskutiert wie der Einsatz biozider Wirkstoffe. Biozide schützen Holz wirksam vor Schimmel, Bläue und holzzerstörenden Pilzen. Gleichzeitig stehen sie in einem Spannungsfeld zwischen Umweltverträglichkeit und technischer Notwendigkeit. Yannick Heil nennt es einen "bewussten Kompromiss", bei dem nachhaltige Rohstoffe im Produktdesign eine wachsende Rolle spielen, während ein gezielter Filmschutz weiterhin unverzichtbar bleiben wird. Benedikt Müller-Wortmann sieht die Branche in einem "Balanceakt", bei dem biobasierte Systeme wachsen, gleichzeitig aber Bauteile bestimmter Expositionsklassen nach DIN 68800-1 nach wie vor einen chemischen Schutz benötigen. Trotzdem sei es allein schon durch die strengen regulatorischen Vorgaben der europäischen Biozidverordnung Ziel aller Hersteller, die Wirkstoffe nur noch gezielt und minimal einzusetzen.

Hinzu kommt nach Einschätzung von Rainer Troppmair, dass aufgrund hoher Zulassungskosten und langer Registrierungszeiten ohnehin kaum neue biozide Wirkstoffe zu erwarten seien. Er gibt zu bedenken, dass es im Hinblick auf Nachhaltigkeit - das heißt auf Ressourcenschonung, Lebensdauer und Kreislauffähigkeit - gründlich abzuwägen gilt: "Denn biozider Holzschutz kann einerseits die Lebensdauer verlängern, andererseits aber die Kreislauffähigkeit des Holzes reduzieren." Auch hier können Alternativmaßnahmen wie der chemisch vorbeugende Holzschutz durch die Verwendung vorbehandelter Hölzer sowie konstruktiver Holzschutz oder der Einsatz resistenter Hölzer ein zielführender Weg sein. Generell seien Biozide nur sehr gering zu dosieren und technisch so einzubetten, dass sie weder unkontrolliert abgegeben werden noch im Innenraum wirksam sind.

Alle drei Experten verweisen auf einen entscheidenden Aspekt: Je besser der konstruktive und chemisch vorbeugende Holzschutz, desto weniger zusätzliche Chemie ist erforderlich. Intelligente Planung, witterungsoptimierte Bauteile, größere Einbautiefen, ausreichende Vordächer, saubere Tropfkanten, Hinterlüftung und der Verzicht auf stark exponierte Flächen können den Bedarf an Bioziden erheblich reduzieren.

Biobasierte Bindemittel
gewinnen an Bedeutung

Ein wichtiger Entwicklungsstrang für die Hersteller liegt im Einsatz biobasierter Rohstoffe, vor allem für Bindemittel. Das können pflanzliche Öle, Harze oder erneuerbare Polymere sein. Sie gewinnen an Bedeutung, weil sie den ökologischen Fußabdruck des Produkts wesentlich verbessern. Yannick Heil nennt als Beispiel pflanzenbasierte Bindemittel wie Leindotteröl, die bereits heute Bestandteil moderner Produktlinien bei Caparol sind.

Besonders weit ist Adler, wo mit der Terra-Produktlinie bereits komplette Systeme auf Basis biobasierter Rohstoffe am Markt sind, die in ihrer Leistungsfähigkeit klassischen Beschichtungen entsprechen. Rainer Troppmair ist sicher, dass sich mit steigendem Marktvolumen auch die aktuell noch bestehenden Preisunterschiede angleichen werden. Benedikt Müller-Wortmann sieht biobasierte Polymere als wichtigen Baustein zukünftiger Holzschutzsysteme und rechnet damit, dass ihre Rolle weiter zunimmt - genauso wie die Konservierungsmittelfreiheit, insbesondere vor dem Hintergrund steigender Anforderungen hinsichtlich Gesundheit, Arbeitssicherheit und Umweltverträglichkeit. Seiner Meinung nach könnten darüber hinaus auch Nanotechnologie oder photostabilisierende Additive die Schutzwirkung künftig ohne gesundheitliche oder ökologische Risiken verbessern.

Ausblick:
Differenzierte Systeme,
kein Entweder-oder

Die Zukunft des Holzschutzes wird nicht durch ein dominantes System bestimmt, sondern durch Vielfalt. Wasserverdünnbare Produkte setzen sich weiter durch; lösemittelhaltige Varianten bleiben relevante Speziallösungen; Eintopf-Systeme gewinnen an Bedeutung, ohne klassische Aufbauten vollständig abzulösen; biobasierte Rohstoffe entwickeln sich vom Trend zum Qualitätsstandard und Biozide werden gezielter eingesetzt denn je.

Die Zukunft gehört also nicht dem Entweder-oder, sondern dem technisch durchdachten Sowohl-als-auch. Gemeinsam ist all diesen Entwicklungen ein übergeordnetes Ziel: Die Langlebigkeit der Bauteile zu erhöhen, Ressourcen zu schonen und gleichzeitig höchste technische Standards einzuhalten.

| Matthias Heilig


Die Produktauswahl beginnt mit der Analyse
Der Holzschutz befindet sich in einem grundlegenden Umbruch. Wasserbasierte Beschichtungen gewinnen an Bedeutung, biozidfreie Alternativen entwickeln sich weiter und biobasierte Bindemittel eröffnen neue Wege zu nachhaltigeren Produkten. Gleichzeitig stehen Verarbeiter vor der Herausforderung, unter realen Baustellenbedingungen, wechselnden Normen und steigenden Leistungsanforderungen die richtigen Systeme auszuwählen.

Einigkeit herrscht unter den Experten bei der Frage nach der richtigen Vorgehensweise: Die Wahl des Beschichtungssystems beginnt nie beim Lack, sondern immer beim Bauteil. Maßhaltigkeit, Holzart, Untergrundzustand, Exposition, Bauweise und normgerechter konstruktiver Holzschutz bestimmen, welche Produkte überhaupt infrage kommen. Yannick Heil verweist dabei auf funktionale Kriterien wie Feuchtebeständigkeit, Diffusionsverhalten, Elastizität und UVStabilität. Benedikt Müller-Wortmann ergänzt Aspekte wie Gesundheit, Nachhaltigkeit oder den Wunsch nach biozidfreien Systemen. Rainer Troppmair hebt hervor, wie entscheidend die Verarbeitung ist - von der Vorbehandlung über die allseitige Beschichtung bis hin zum Umgang mit dem Bauteil nach dem Lackieren - und meint: "Die beste Beschichtung nützt nichts, wenn sie beim Einbau beschädigt oder unsachgemäß verbaut wird."


Anforderungen an moderne Holzbeschichtungen im Außenbereich
Moderne Holzbeschichtungssysteme im Außenbereich müssen sich sowohl an den Fachregeln des Bundesausschusses Farbe Sachwertschutz - insbesondere das BFSMerkblatt Nr. 18 - als auch an der Maßhaltigkeit des jeweiligen Bauteils orientieren. Die Unterscheidung zwischen maßhaltigen, begrenzt maßhaltigen und nicht maßhaltigen Holzbauteilen bildet dabei die Grundlage jeder fachgerechten Systemauswahl.

Maßhaltige Bauteile: maximaler Feuchteschutz und Normensicherheit

Zu den maßhaltigen Bauteilen gehören vor allem Fenster und Außentüren. Hier stehen ein möglichst hoher Feuchteschutz und eine stabile Formtreue im Vordergrund, da selbst geringe dimensionsbedingte Veränderungen problematisch sind. Die Beschichtungen müssen blockfest trocknen, eine hohe UVBeständigkeit und ein homogenes Oberflächenbild bieten. Da diese Bauteile konstruktiv vergleichsweise stabil ausgeführt sind, können hochwertige Filmbildner mit hoher Dauerhaftigkeit eingesetzt werden. Diese Systeme können - sofern der konstruktive Holzschutz stimmt - oftmals auch ohne bioziden Holzschutz auskommen. Ihre Renovierung ist aufwendig, weshalb lange Standzeiten zwingend erforderlich sind.

Begrenzt maßhaltige Bauteile: Feuchteschutz kombiniert mit Elastizität

Verkleidungen, Schalungen oder Fachwerk zählen zu den begrenzt maßhaltigen Bauteilen. Auch hier ist ein zuverlässiger Feuchteschutz essenziell. Gleichzeitig müssen die Beschichtungen jedoch deutlich elastischer sein, um die zulässigen Quell- und Schwindbewegungen schadlos aufzunehmen. Eine gute Diffusionsfähigkeit und ein gleichmäßiges Abwitterungsverhalten erleichtern die spätere Renovierung. Hochwertige Filmsysteme sind ebenfalls möglich, vorausgesetzt, sie besitzen ausreichende Flexibilität und Diffusionsoffenheit.

Nicht maßhaltige Bauteile: dünnschichtig, offenporig und bewegungstolerant

Zäune, Pergolen oder andere stark der Witterung ausgesetzte Bauteile erfordern einen grundsätzlich anderen Ansatz. Da das Holz hier deutlich stärker quillt und schwindet, empfehlen sich dünnfilmige, offenporige Beschichtungssysteme wie Dünnschichtlasuren. Sie verwittern gleichmäßig, ohne abzuplatzen, was eine problemlose Renovierung ermöglicht. Alternativ können deckende Systeme eingesetzt werden, wenn diese hoch elastisch formuliert sind. Aufgrund der hohen Expositionsklasse ist ein begrenzter, gezielter Biozideinsatz zur Vermeidung von Pilzbefall in vielen Fällen sinnvoll.

Unabhängig von der Maßhaltigkeitsklasse müssen moderne Holzbeschichtungen eine Reihe grundlegender Funktionen erfüllen. Sie müssen langfristigen Witterungsschutz bieten, insbesondere vor UVStrahlung, Regen und Temperaturwechseln. Ein funktionierendes Feuchtigkeitsmanagement ist entscheidend, da die Holzfeuchte idealerweise dauerhaft unter 20 % bleiben sollte - andernfalls drohen Quell- und Schwindprozesse sowie Pilzbefall.

Mechanische widerstandsfähige Oberflächen schützen vor Beschädigungen während Transport, Montage und Nutzung. Zusätzlich müssen die Systeme mit Blick auf die Gebrauchsklassen nach DIN 68800-1 - insbesondere GK 2 und GK 3 - einen vorbeugenden Schutz gegen holzzerstörende Pilze, Bläue und in bestimmten Regionen auch Insekten gewährleisten.

Auch die Verarbeitung spielt eine wichtige Rolle. Systeme müssen auf der Baustelle unter wechselhaften Bedingungen zuverlässig applizierbar sein und möglichst geringe Fehleranfälligkeit aufweisen. Die Dauerhaftigkeit der Beschichtung beeinflusst maßgeblich die Renovierungszyklen und damit die Wirtschaftlichkeit von Holzbauteilen.

Neben technischen Kriterien rückt die ökologische Bewertung stärker in den Vordergrund. Der Trend geht zu wasserverdünnbaren Systemen mit niedrigem VOCGehalt sowie zu Produkten, die biobasierte Bindemittel einsetzen. Wo immer möglich, sollen biozidfreie oder biozidreduzierte Systeme verwendet werden. Ihr Einsatz hängt jedoch von der Expositionsklasse ab. Konstruktiver Holzschutz - etwa durch ausreichende Abtropfkanten, Vordächer, Hinterlüftung oder spritzwasserfreie Zonen - bleibt der wirkungsvollste Hebel, um chemische Holzschutzmaßnahmen zu reduzieren.
Holzlacke balancieren zwischen nachhaltig und leistungsfähig
Foto/Grafik: Adler
"Der konstruktive Holzschutz ist vor allem im modernen Holzbau ein oft unterschätzter oder vernachlässigter Faktor."

Rainer Troppmair, Adler
Holzlacke balancieren zwischen nachhaltig und leistungsfähig
Foto/Grafik: DAW
"Wir erwarten weitere Verschiebungen hin
zu wasserverdünnbaren Produkten."

Yannick Heil, Caparol
Holzlacke balancieren zwischen nachhaltig und leistungsfähig
Foto/Grafik: Dörken Coatings
"Biobasierte Bindemittel werden zunehmend leistungsfähiger und eröffnen Perspektiven für biozidfreie Produkte."

Benedikt Müller-Wortmann, Dörken Coatings
Holzlacke balancieren zwischen nachhaltig und leistungsfähig
Foto/Grafik: Adobe Stock/Flytime
Kantig, kubisch, ungeschützt: Der konstruktive Holzschutz dieser Architektur ist gleich Null. Entsprechend kostenintensiv wird die Wartung der Holzfassade sein.
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