Neue Serie zu Künstlicher Intelligenz (Teil 1)

KI entscheidet, wer wahrgenommen wird

Durch die zunehmende Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI) besuchen immer weniger Kunden klassische Websites. Die entscheidende Frage ist daher: Wie wird man in KI-Systemen überhaupt sichtbar? Was das für Parkett, Boden & Interior jetzt konkret bedeutet, erklärt KI-Experte Thomas Mix in dieser neuen Serie von FussbodenTechnik, die in loser Folge erscheinen wird.

Der folgende konkrete Praxisfall zeigt sehr klar, wie sich die Spielregeln durch Künstliche Intelligenz (KI) gerade verändern - und warum das Thema KI-Sichtbarkeit für die Boden-Branche keine theoretische Diskussion mehr ist. Ein großer etablierter Objekteur mit Sitz in Süddeutschland und entsprechenden Referenzen, Personalstärke und jahrzehntelanger Markterfahrung berichtete: "Ich habe aus Interesse einmal ChatGPT gefragt: Was sind die besten Bodenlegerbetriebe im Objektgeschäft in Deutschland? Und wir wurden überhaupt nicht genannt."

Stattdessen bekam der Objekteur von ChatGPT eine ganze Liste ausgespielt - mit Betrieben, die er zum Teil persönlich kannte. Unternehmen, die deutlich kleiner sind, weniger Projekte abwickeln und teilweise kaum im Objektgeschäft tätig sind. Seine Reaktion war entsprechend irritiert. "Wie kann das sein?", fragte er. "Wir haben doch die Erfahrung, wir haben die Referenzen, wir haben die Kapazitäten."

Die eigentlich entscheidende Frage kam dann direkt hinterher: "Wie schaffe ich es denn, dass ich in einem Large Language Model überhaupt gefunden werde? Und dass ich dort auch benannt werde?" Denn - und das war ihm völlig klar - immer mehr Leistungsentscheider, Planer und Auftraggeber nutzen genau diese Systeme, um sich einen ersten Überblick zu verschaffen. Wenn man dort nicht vorkommt, ist man in dieser frühen Phase der Auswahl faktisch nicht existent.

So funktioniert ein
Large Language Model

An dieser Stelle lohnt sich eine kurze Einordnung, denn der Begriff LLM fällt aktuell häufig, bleibt aber für viele abstrakt. LLM steht für Large Language Model. Gemeint sind KI-Sprachmodelle wie ChatGPT oder Google Gemini. Diese Systeme wurden mit extrem großen Mengen an Text trainiert - aus Fachartikeln, Webseiten, Handbüchern, Ratgebern, Produktbeschreibungen und vielen weiteren Quellen.

Ein LLM funktioniert dabei nicht wie eine klassische Suchmaschine. Es listet keine Links auf, sondern versucht, Zusammenhänge zu verstehen. Es erkennt, welche Begriffe zusammengehören, welche Inhalte fachlich zusammenpassen und wie bestimmte Themen eingeordnet werden müssen. Vereinfacht gesagt: Ein LLM beantwortet Fragen so, wie es ein sehr gut informierter Mensch tun würde - nur deutlich schneller und auf Basis riesiger Datenmengen.

Wenn beispielsweise jemand fragt: "Ist Parkett für Fußbodenheizung geeignet?", sucht ein LLM nicht nach einzelnen Schlüsselwörtern. Es kombiniert Wissen über Holzarten, Aufbauhöhen, Wärmedurchlasswiderstände, Oberflächen, typische Fehler und Erfahrungswerte - und formuliert daraus eine Antwort. Betriebe oder Hersteller werden nur dann genannt, wenn sie in diesem thematischen Zusammenhang klar, verständlich und fachlich einordbar sind.

Genau deshalb reicht es heute nicht mehr aus, einfach "irgendwie im Internet präsent" zu sein. Ein LLM muss verstehen können, was ein Betrieb macht, für wen, in welchem Kontext und mit welcher fachlichen Tiefe. Wer für das Modell inhaltlich unscharf bleibt, taucht in Antworten schlicht nicht auf - unabhängig von Unternehmensgröße oder Marktstellung.
Der oben erwähnte Praxisfall ist kein Einzelfall. KI-Experten beobachten solche Vorfälle derzeit immer häufiger - im Objektgeschäft, im klassischen Handwerk, im Fachhandel und bei Herstellern. Und genau deshalb ist dieses Thema für die Parkett-, Boden- und Interiorbranche so relevant.

Es findet ein
Strukturwandel statt

Wer sich seit vielen Jahren mit digitaler Sichtbarkeit für Handwerksbetriebe, Händler und Hersteller beschäftigt, der hat in dieser Zeit viele Trends erlebt: Social Media, Online-Shops, Bewertungsplattformen und Google-Updates. Was wir aktuell erleben, ist jedoch kein weiterer Marketingkanal: Es ist ein Strukturwandel.

Die erste Orientierung des Kunden findet heute immer häufiger über KI statt - noch bevor eine Website besucht, ein Showroom betreten oder ein Telefonat geführt wird. Das betrifft Parkettleger, Bodenleger, Raumausstatter, Fachhändler und Objektbetriebe gleichermaßen.

Dabei ist entscheidend zu verstehen, wie diese KI-Systeme genutzt werden. Nach aktuellen Open AI-Analysen zählen praktische Anleitungen, Informationssuche und Schreiben zu den drei wichtigsten Nutzungsszenarien. Im Handwerks- und DIY-Umfeld zeigt sich ein sehr klares Bild: Rund 49 % der Nutzung entfällt auf klassisches Fragenstellen und das Einholen von Rat. Etwa 40 % nutzen KI, um konkrete Aufgaben zu erledigen oder sich Inhalte ausarbeiten zu lassen - etwa Materialvergleiche, Projektstrukturen oder grobe Kostenrahmen. Nur rund 11 % entfallen auf kreative oder reflektierende Nutzung.

Besonders wichtig für die Boden-Branche ist dabei ein weiterer Punkt: Rund 70 % dieser KI-Nutzung ist privat. Sie findet abends, am Wochenende oder zwischendurch statt - genau dann, wenn Bau-, Renovierungs- und Einrichtungsentscheidungen vorbereitet werden. Nur etwa 30 % der Nutzung ist klar arbeitsbezogen.

Beispiel aus dem Alltag: Ein Bauherr sitzt am Sonntagabend auf dem Sofa und fragt eine KI, welcher Boden sich für ein Schlafzimmer mit Fußbodenheizung eignet. Die KI erklärt Unterschiede zwischen Parkett, PVC- und Designböden, nennt Vor- und Nachteile, Preisrahmen und typische Fehler. Erst danach kommt die Frage nach passenden Betrieben. Die inhaltliche Vorauswahl ist da längst getroffen.

Parallel dazu passiert etwas, das viele Betriebe noch unterschätzen: der massive Anstieg der sogenannten Zero-Click-Searches. Rund 60 bis 64 % aller Google-Suchen enden inzwischen ohne Klick auf eine externe Website. Nutzer bekommen ihre Antworten direkt - entweder von KI-Systemen oder bereits innerhalb der Google-Suchergebnisse.

KI-gestützte Suche
ist längst Alltag

Google ist dabei nicht Opfer, sondern aktiver Treiber dieser Entwicklung: Mit der Einführung der AI Overviews sind die Klickraten deutlich gesunken - je nach Suchtyp um 14 bis über 30 %. In Deutschland liegt der Rückgang seit März 2025 im Durchschnitt bei rund 17,8 %. Hinzu kommt der rasante Aufstieg von Google Gemini: Während 2023 nur rund 10 % der KI-Nutzer Gemini verwendeten, waren es 2024 bereits 20 % und 2025 rund 31 %. In deutschen Unternehmen nutzen inzwischen rund 36 % der Befragten Gemini aktiv. KI-gestützte Informationssuche ist damit längst Alltag.

Ein zentraler Denkfehler vieler Betriebe ist, dass KI Websites "liest" wie ein Mensch. Das tut sie nicht. KI sieht keine Bilder, keine Referenzgalerien, keine Logos. Sie liest Text - strukturiert, abschnittsweise und kontextbezogen. Überschriften, klare Leistungsbeschreibungen, Zielgruppen- und Einsatzbereichseinordnung sind entscheidend.

Gerade im Parkett- und Bodenbereich liegt darin eine große Chance: Kaum eine Branche ist so erklärungsbedürftig. Aufbauhöhen, Untergründe, Holzarten, Oberflächen, Nutzungsklassen, Feuchtigkeit, Trittschall, Pflege - hier steckt enormes Fachwissen. Dieses Wissen muss nur so formuliert sein, dass ein LLM es eindeutig verstehen und korrekt einordnen kann.

In der täglichen Praxis zeigt sich sehr deutlich, dass sich Beratungsgespräche spürbar verschieben - und das betrifft vor allem das gestalterische Handwerk im Parkett-, Boden- und Interiorbereich. Viele Kunden nutzen KI heute nicht mehr nur zur Informationssuche, sondern ganz gezielt zur Visualisierung ihrer Räume. Grundrisse werden hochgeladen, Raumwirkungen simuliert, verschiedene Bodenbeläge, Verlegebilder oder Farbtöne virtuell ausprobiert und miteinander verglichen. Genau deshalb steht diese Branche aktuell besonders im Fokus der KI-Nutzung.

Kunden sind dank KI
sehr gut vorbereitet

Diese intensive Vorarbeit verändert die Gespräche grundlegend. Kunden kommen heute deutlich besser vorbereitet in Beratungstermine. Sie haben klarere Vorstellungen, konkrete Wünsche und sehr gezielte Fragen. Oft bringen sie bereits KI-generierte Visualisierungen, Raumideen oder ausgearbeitete Konzepte mit. Diese Vorbereitung passiert in vielen Fällen vollständig mithilfe von KI - noch bevor überhaupt ein erster Kontakt zu einem Fachbetrieb stattfindet.

Dadurch beginnt Beratung heute deutlich später im Entscheidungsprozess. Es geht weniger um grundlegende Fragen wie "Welche Böden gibt es?" oder "Was ist grundsätzlich möglich?", sondern vielmehr um Absicherung und professionelle Einordnung: Passt das technisch? Ist die geplante Lösung realistisch? Passen Aufbauhöhen, Untergrund und Nutzung zusammen? Und lässt sich das Ganze handwerklich sauber, langlebig und wirtschaftlich umsetzen?

Gerade hier zeigt sich die besondere Rolle des gestalterischen Handwerks. KI kann inspirieren, vergleichen und visualisieren. Die fachliche Bewertung, die technische Machbarkeit und die Qualität der Umsetzung bleiben jedoch klar beim Fachbetrieb. Genau hier schließt sich der Kreis zum Objekteur aus Süddeutschland. Fachlich exzellent, wirtschaftlich stark, aber für KI nicht klar genug greifbar. Und genau das entscheidet heute zunehmend darüber, wer überhaupt wahrgenommen wird.

KI verändert Weg zum Auftrag

Die Auffindbarkeit in KI-Systemen wie ChatGPT oder Gemini wird mindestens genauso wichtig wie klassische Suchmaschinenoptimierung bei Google oder Bing - in vielen Fällen sogar wichtiger. KI verändert nicht das Handwerk selbst, aber sie verändert grundlegend den Weg zum Auftrag. Entscheidungen fallen heute häufig digital, leise und ohne einen einzigen Klick auf eine Website. Betriebe, die für Large Language Models verständlich sind, werden Teil dieser frühen Auswahl. Alle anderen tauchen oft gar nicht erst auf - unabhängig von Größe, Erfahrung oder handwerklicher Qualität. Das ist keine Zukunftsvision, das passiert bereits jetzt - mitten in unserer Branche.

Im nächsten Teil der FussbodenTechnik-Serie widmet sich Autor Thomas Mix dem Thema "KI-Automation im Bodenhandwerk - Wie Handwerks- und Raumausstattungsbetriebe ihre Prozesse selbst automatisieren können".
KI entscheidet, wer wahrgenommen wird
Foto/Grafik: Mix
Handwerksbetriebe müssen ihren Internet-Auftritt so optimieren, dass sie von KI wahrgenommen werden.
KI entscheidet, wer wahrgenommen wird
Foto/Grafik: Mix
Chat GPT und Google Gemini sind die führenden Large Language Models (LLM).
KI entscheidet, wer wahrgenommen wird
Foto/Grafik: Mix
Dank KI können sich Kunden sehr gut über Parkett und Bodenbeläge informieren – und schnell eine Vorauswahl treffen.
KI entscheidet, wer wahrgenommen wird
Foto/Grafik: Mix
KI ist kein neuer Marketingkanal, sondern ein umfassender Strukturwandel.
KI entscheidet, wer wahrgenommen wird
Foto/Grafik: Mix
Der Autor – Thomas Mix
Der 56-jährige Thomas Mix ist Gesellschafter der Düsseldorfer Agentur DIM-Abteilung (www.dim-abteilung.de) mit acht festen Mitarbeitern und einem Netzwerk von rund 60 spezialisierten Freelancern. Zudem ist er Mitbegründer des KI-Start-ups ClosifAI (www.closif.ai), das sich auf die Entwicklung von KI-Tools und autonomen KI-Agents mit klarem Fokus auf die Interior-, Boden- und Einrichtungsbranche spezialisiert hat.

Der studierte Betriebswirt und Marketingspezialist startete seine Karriere als Trainee bei Coca-Cola, bevor er auf die Agenturseite nach Köln und Berlin wechselte. Seit über 30 Jahren beschäftigt er sich intensiv mit der Digitalisierung und Automatisierung von Marketing- und Vertriebsprozessen. Bereits in den 1990er-Jahren lag sein Schwerpunkt auf dem Aufbau digitaler Geschäftsmodelle, Webplattformen und datengetriebenem Marketing. Heute berät Thomas Mix Unternehmen aus Handwerk, Handel und Industrie bei der strategischen Einführung von Künstlicher Intelligenz – von der Optimierung der digitalen Sichtbarkeit bis hin zum Einsatz praxisnaher KI-Lösungen entlang der Customer Journey. Zu den Kunden der DIM-Abteilung zählen unter anderem der Bundesverband Parkett und Fußbodentechnik (BVPF), die Berufsgenossenschaft Bau, die Deutsche Bahn und der Verlag Gruner + Jahr.
aus FussbodenTechnik 02/26 (Handwerk)